Politik : Seelsorger in Uniform

Susanne Tenhagen

Durch das konkrete Ersuchen der USA um Bundeswehr-Hilfe im Kampf gegen den Terror hat auch das Thema Militärseelsorge unerwartete Aktualität erhalten. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) diskutierte auf ihrer Synode indes kontrovers über die Vereinheitlichung der Militärseelsorge in Ost und West. Während die Soldatenseelsorger im Westen Bundesbeamte auf Zeit sind, ist die Militärseelsorge im Osten seit 1991 immer noch der Kirche unterstellt. Der Hintergrund waren Bedenken, die kirchliche Seelsorge sofort direkt dem Staat zu unterstellen. Jetzt zeichnet sich ein Kompromiss ab, der es den Landeskirchen ermöglicht, Bundesbeamte auf Zeit zu entsenden oder aber ihre Mitarbeiter in den kirchlichen Dienst zu stellen. Der Berliner Landesbischof Wolfgang Huber hatte angemahnt, den Beamtenstatus des Militärseelsorgers nicht überzubewerten. Schließlich käme es auf die praktische Arbeit an, die in der jetzigen Situation vor allem angesichts möglicher Auslandseinsätze kompliziert genug sei.

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Den Soldaten im Bundeswehr-Alltag sei der Status völlig egal, resümierte der Militärbischof Hartmut Löwe. Entscheidend sei die Akzeptanz: 96 Prozent der Soldaten, die einer christlichen Konfession angehören, und 88 Prozent der religiös Ungebundenen begrüßen nach einer Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr die Militärseelsorge. Und das Angebot der Seelsorger - lebenskundlicher Unterricht, Gottesdienste, Andachten und persönliche seelsorgerliche Gespräche - würde sehr stark genutzt, berichteten Praktiker über ihre einhellig positiven Erfahrungen.

Die Auslandseinsätze fordern die Seelsorger besonders. Manche Soldaten haben Traumata, können Erlebtes nur schwer verarbeiten. Massaker an der Zivilbevölkerung, aber auch die Gefährdung des eigenen Lebens gehören dazu. "In einer solchen Situation verliert das Leben unvermittelt seinen Halt", berichtete Wehrbereichsdekan Ulrich von Steinen in der evangelischen Zeitschrift "zeitzeichen". Extreme Situationen wie das Öffnen von Massengräbern seien nur schwer zu verarbeiten. Dass die Militärseelsorger durch ihre Präsenz Auslandseinsätze zusätzlich legitimieren, sieht Löwe nicht. Diese zusätzliche Legitimation sei nicht nötig und nicht gewollt: "Wir begleiten Menschen." Das werde auch für den möglichen Afghanistan-Einsatz gelten.

Kritische Fragen

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Manfred Kock, hat kritische Fragen zu den militärischen Anforderungen der USA an die Bundesrepublik gestellt und wachsende Zweifel am Erfolg von Militärmaßnahmen im Kampf gegen den Terrorismus geäußert. Der begrenzte Einsatz militärischer Mittel sei auch gegen die neuesten Formen des Terrorismus und gegen Staaten, die Terroristen begünstigen, nur als ultima ratio zu rechtfertigen, sagte Kock am Dienstag auf der EKD-Synode im oberpfälzischen Amberg. Die Androhung und Ausübung von Gewalt gehöre aber zu den legitimen Mitteln von Staaten, um für Recht und Frieden zu sorgen. Auf keinen Fall dürfe bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus die militärische Komponente im Vordergrund stehen, mahnte Kock. Unerlässlich und vorrangig seien jetzt gerade die Fortsetzung der politischen Bemühungen und die Verstärkung der humanitären Anstrengungen.

Kock äußerte sich am Nachmittag kurzfristig auf der Synode zu dem Thema. Der Antrag eines Synodalen, die Tagesordnung zu ändern und über die aktuelle Lage zu debattieren, fand keine Mehrheit. Dafür soll ein Ausschuss ein Dokument erarbeiten, das am Donnerstag im Kirchenparlament, das 27 Millionen evangelische Christen repräsentiert, beraten werden soll.

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