Politik : Sehnsucht nach dem Harz

Der Verfassungsschutz warnt Städte vor Anfragen aus Irak

Frank Jansen

Die Sprache klingt blumig. „Ich hörte viel Gutes über die Schönheit Ihrer Stadt“, schreibt Karzan Sadiq Arif am 15. Mai 2001 auf Englisch, „ich wäre so glücklich, wenn Sie mir Touristikprospekte und Aufkleber, Poster, Ansichtskarten schicken könnten“. Auf einem Foto präsentiert sich Arif mit Schnauzbart und ernstem Blick. Als Adresse gibt er ein Postfach in Kirkuk an, eine Stadt im nördlichen Irak. Per Luftpost ist das Schreiben ins Harz-Städtchen Osterode gelangt. Doch eine Antwort bleibt aus. „So ein Brief aus dieser Ecke, das kam mir suspekt vor“, sagt Tourismusmanager Wieland Mücke. Auffällig sei auch, „die Anfrage ist eine schlechte Fotokopie. Die sieht aus wie x-fach durchgenudelt.“

Jetzt befasst sich Niedersachsens Verfassungsschutz mit dem Brief. „Vor dem Hintergrund der aktuellen Situation“ sei zu empfehlen, Anfragen aus dem Irak nicht zu beantworten, warnt die Behörde die kommunalen Spitzenverbände Niedersachsens. In anderen Ländern reagiert der Verfassungsschutz ähnlich. Bundesweit haben meist kleinere Kommunen schwülstige Briefe erhalten. Die Absender wünschen Broschüren, Stadtpläne, Landkarten, Videos, sogar Luftbildaufnahmen. Selbst Brandenburgs Staatskanzlei bekam im letzten Jahr Anfragen. Die Behörden sind irritiert. Wofür benötigen Iraker Informationen über deutsche Städte? Warum werden teure Luftpostbriefe verschickt, statt im Internet zu suchen? Dubios angesichts der Terrorgefahr und des drohenden Militärschlags der USA gegen Irak.

Die ersten Briefe tauchten 1992 auf, ein Jahr nach Husseins Niederlage im Golfkrieg. Auch in Frankreich, Österreich und Skandinavien kamen Schreiben an. Zunächst nicht weiter ernst genommen, erscheinen sie den Behörden nach dem 11. September verdächtig. Verfassungsschutzämter, Bundeskriminalamt, Landeskriminalämter, Bundesgrenzschutz, Bundesanstalt für Ausfuhrkontrolle und Bundesnachrichtendienst forschen den Absendern hinterher.

„Die sind oft nicht zu ermitteln“, sagt ein Sicherheitsexperte, „manchmal sind es Reisebüros und Tourismusfirmen“. Auch dann bleibe unklar, ob ein Geheimdienst die Anfragen steuert. „Zu den Briefen gibt es mehrere Theorien“, sagt ein Fachmann. Der Irak könnte eine Strategie der Verunsicherung betreiben. Oder Kontakte aufbauen wollen, um die Handelssanktionen zu umgehen. Oder Regionen für Schleuser ausforschen. Oder nach Anschlagszielen suchen, auch wenn ein vom Irak gelenkter Terrorismus in Deutschland unwahrscheinlich sei.

Was sagt die irakische Botschaft in Berlin? Ein Mann aus der Konsularabteilung, der seinen Namen nicht nennen will, spricht so blumig wie die Briefeschreiber. „Das Wort ,made in Germany’ hat bei uns einen guten Klang“, sagt der Diplomat, „in Deutschland ist alles echt und solide“. Was weiß er von den vielen irakischen Anfragen? Prompte Antwort: „Davon wissen wir nichts.“

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