Politik : Sehnsucht nach Empörung

Von Moritz Schuller

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Man solle bei den alten Römern anfangen, empfiehlt Tucholsky in den „Ratschlägen für den schlechten Redner“, und dem Zuhörer geschichtliche Hintergründe liefern. „Immer gib ihm Historie, immer gib ihm.“

In Deutschland wird vermutlich mehr über Historie geredet als anderswo. Zuletzt sprach der Papst in Regensburg über das 14. Jahrhundert und in Wiesbaden der Historiker Arnulf Baring über das 20. Jahrhundert. So unterschiedlich die Themen, so ähnlich die Reaktion: wilde Empörung. Und ähnlich auch ein anderes Phänomen: Je geringer der Kenntnisstand über die Rede, desto größer die Empörung. Der Chef des staatlichen türkischen Religionsamts Ali Bardakoglu hatte seine heftige Kritik an der Papstrede auf der Grundlage von Pressemitteilungen geäußert. Und Renate Künast, die bei der Rede von Baring ebenfalls nicht anwesend gewesen war, warf ihm vor, den Holocaust verharmlost zu haben. Baring hatte über den Holocaust gar nicht gesprochen.

Reden in Deutschland über die deutsche Vergangenheit trafen verständlicherweise stets auf ein äußerst sensibilisiertes Publikum. Erwartungsbrüche kamen nie gut an. Ob Philipp Jenninger oder Martin Walser – der unterstellte oder auch der bewusst unternommene Versuch, von der rhetorischen Routine abzuweichen, wurde selten als intellektuelles Angebot verstanden. Jenninger sei mit „Knobelbechern durch die Geschichte“ marschiert, schrieb etwa der „Spiegel“ über eine Rede, die offenbar anders gemeint war als sie verstanden und dargestellt wurde.

Der Diskurs über die eigene Vergangenheit wenigstens hat sich verändert: Heute bekommt Günter Grass Lob, wenn er seine jugendliche Begeisterung für das NS-Regime beschreibt. Nichts anderes hatte Jenninger in seiner Rede mit einem wörtlichen Zitat zum Ausdruck gebracht. Die Meinungssoldaten, die aus Walsers Sicht so lange über die Vergangenheit wachten, sitzen heute woanders: Wem früher eine Rede missglückte, der landete wie Jenninger in der „New York Times“; heute wird er als ausgestopfte Puppe auf einem arabischen Marktplatz abgefackelt.

Harald Schmidt schlug vergangene Woche vor, Redner sollten sich kleine An- und Abführungszeichen an den Mund halten, um deutlich zu machen, wann sie zitieren. Doch auch mit einem solchen Apparat hätte der Papst kaum weniger Aufregung ausgelöst. Denn das Missverständnis lag vermutlich nicht im Kommunikationsprozess, wie es der Vatikan diplomatisch darstellt, sondern im Inhalt des Gesagten.

Ob er missverstanden wurde oder falsch verstanden, ob er absichtlich ein Tabu brechen wollte oder einen Fehler gemacht hat, ist noch offen. Es gibt, und das ist ein echter Gewinn, nicht nur eine Lesart der Rede des Papstes. Es existiert, wie der Rhetoriker sagt, beim Publikum eine Wirkungsdifferenz. Beim Thema Islamismus ist offenbar noch keine rhetorische Routine eingekehrt. Das Risiko, in Kuala Lumpur „missverstanden“ zu werden, wenn man vor einem Kölner Publikum spricht, ist weiterhin hoch. Das heißt aber eben auch, dass der Diskurs über Tabus und Deutungshoheiten noch nicht abgeschlossen ist. Der Papst gedenkt offenbar, sich daran zu beteiligen. Wirklich gefährlich wird es erst, wenn die politisch korrekten Reden zu dem Thema gehalten werden.

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