Politik : Sehnsuchtsort Deutschland

Indira Kliko lebte sechs Jahre als bosnisches Flüchtlingskind in Bayern. 1998 musste sie zurück in die Heimat, aber richtig angekommen ist sie dort bis heute nicht.

Merle Hilbk[Jajce]
2012
2012

Soeben hat sie eine Gruppe Touristen zur Kastell-Ruine von Jajce hinauf geführt, junge Leute aus der Schweiz, die in Kroatien einen Segelurlaub gebucht und einen Ausflug nach Bosnien angehängt haben.

Es ist heiß, obwohl sich schon der Abend über die Berge senkt. Wie Schnecken winden sich die Gassen den Berg hinauf. Strahlend weiß blitzen die Villen aus der osmanischen Zeit zwischen den Stadtmauern hervor. Das Weiß stammt von Eierschalen, die die Mönche im Mittelalter unter den Mörtel gaben.

Der Weg hinauf zur Festung ist steil, Indira Kliko, 25, atmet schwer. Trotzdem hat sie versucht, der Gruppe etwas über die Geschichte der Stadt zu erzählen: über das Franziskanerkloster, in dem die Gebeine der letzten bosnischen Könige in einem gläsernen Sarkophag aufgebahrt liegen, und über jenen Tag im Jahr 1943, an dem Josip Broz Tito hier die „Sozialistische Volksrepublik Jugoslawien“ ausrief, in einer Villa an der Stadtmauer, die heute das Museum beherbergt, in dem Indira Kliko arbeitet, wenn sie nicht gerade Touristen durch die Stadt führt. Aber die wenigen, die aus Deutschland, Österreich und der Schweiz hierher kommen, wollen davon nichts wissen. Die interessiert nur eins: wie es hier im Krieg war.

Aber was soll sie dazu sagen?

Indira Kliko war fünf Jahre alt, als der Krieg nach Jajce kam. Die Front der bosnischen Serben hatte die Stadt, in der mehrheitlich Kroaten und muslimische Bosnier lebten, von der gegenüberliegenden Hügelkette aus unter Beschuss genommen. „Lasst alles stehen und liegen! Rennt um euer Leben!“, hat der Vater da geschrieen, und so wurde aus Indira Kliko ein Flüchtlingskind.

Sie kamen mit einem Schlepper nach Hofstetten, ein Dorf in der Nähe von Eichstätt in Bayern. Der Vater fand Arbeit, die Kinder gingen zur Schule, die Familie lebte sich ein. „Ich war ein richtiges bayrisches Mädchen“, sagt Indira Kliko. Dann, nach sechs Jahren, kam ein Schreiben der Ausländerbehörde, eine „Ausweisungsverfügung“, die Indira für ihre Eltern übersetzen musste. Der Krieg sei ja inzwischen vorbei, Familie Kliko solle bitte zügig zurückkehren nach Jajce. Das war im Sommer 1998.

Die Familie folgte der Aufforderung und machte sich mit dem Bus auf den Weg zurück nach Jajce. 40 Stunden dauerte die Fahrt. Indira Kliko sagt, sie habe die ganze Zeit geweint. Das Haus, das der Vater vor dem Krieg in einen Obstgarten über dem Fluss Vrbas gebaut hatte, lag in Trümmern. Nur einen Raum gab es noch, den hatten die Großeltern schnell hochgemauert, als die Klikos sich ankündigten.

14 Jahre sind seitdem vergangen. 14 Jahre im Leben einer 25-Jährigen. Aber wenn Indira Kliko erzählen soll von ihrem Leben in Bosnien, fällt ihr nichts ein. „Was soll ich sagen?“, sagt sie. „Meine Kindheit war zu Ende. Hier hat sich doch keiner dafür interessiert, wie es uns ging. Alles war kaputt.“

In der Schule hatte sie wie alle zurückgekehrten Flüchtlingskinder anfangs Probleme, weil sie die bosnische Sprache nicht schreiben konnte. Aber das änderte sich. Sie bestand ihr Abitur mit Bestnoten. „Das ist doch nichts Besonderes“, sagt sie. „Man muss sein Bestes geben, muss etwas schaffen im Leben. Das habe ich in Deutschland gelernt.“ Es klingt nicht selbstbewusst, eher wie eine Zwangsläufigkeit. Dass sie ein Volontariat im Museum gemacht hat, dort eine feste Stelle bekam, einen der anspruchsvollsten Jobs in Jajce – das berichtet ihre Schwester.

Indira Kliko könnte stolz auf das sein, was sie geschafft hat und wie gut sie sich in Jajce eingelebt hat. Mit zwei Freundinnen geht sie samstags in die Disco, tanzt nach alten Schlagern, lässt sich von einem Jungen auf einen Energy-Drink einladen. In der Fußgängerzone grüßt sie jeder zweite, dem sie begegnet, mit Handschlag. Und doch sehnt sie sich zurück nach Deutschland. Das Land ist ihr ein Sehnsuchtsort geblieben. Obwohl es sie und ihre Familie ausgewiesen hat, als sie sich gerade eine Existenz aufgebaut hatten. „In Deutschland hat man so viele Entwicklungsmöglichkeiten“, sagt Indira Kliko. „Man hat das Gefühl, dass man etwas aus sich machen kann, wenn man sich nur genug anstrengt.“

Ein positives Deutschlandgefühl ist in Bosnien weit verbreitet. In einem Projekt des Goethe-Instituts Sarajevo mit jugendlichen „Heimkehrern“ schwärmten alle Teilnehmer von den Chancen und dem Freiheitsgefühl, das sie in Deutschland hatten. Fast alle wünschten sich zurück – und wer kann, der macht sich auf den Weg. Nach wie vor gibt es kaum Arbeit in Bosnien, und die wenigen Jobs werden nicht nach Qualifikation vergeben, sondern nach Beziehungen. Ein Grund dafür, dass es in den meisten Branchen nicht aufwärts geht. Es gibt kaum noch Industrie, wenig Dienstleistung, die Infrastruktur ist marode, die Umwelt vermüllt, die Verwaltung, die gesamte Politik ist von Korruption durchdrungen.

Auch Indiras Vater fand keine Arbeit mehr. Scheval Kliko ist 50 Jahre alt. Seine Schultern sind muskulös, die Haltung aufrecht wie die eines Athleten. Doch die Sorge hat sich in seine Mundwinkel eingegraben, die Stirn zerfurcht, die Wangen ausgehöhlt. In Bayern hatte er eine feste Stelle als Schlosser, nie habe seine Familie von Sozialhilfe gelebt, sagt er. Zurück in Bosnien suchte er vergeblich nach einer regulären Beschäftigung. Mehrere Jahre bewarb er sich im ganzen Land, wurde schließlich als Schwarzarbeiter auf einer Baustelle in Kroatien engagiert. Doch der Bauherr blieb ihm den Lohn schuldig. Sozialhilfe gibt es in Bosnien nicht.

„Ich liebe mein Land“, sagt Scheval Kliko. „Aber diesem Land sind die einfachen Menschen egal. Wir leben. . . wir leben wie die Straßenhunde, die um Essen betteln.“ Er schäme sich, dass er seine Familie nicht ernähren könne. Ohne Arbeit verliere der Mensch seinen Stolz, seine Würde, sagt er. Den kleinen Leuten sage man: Wartet ab, es kommen bessere Zeiten. „Aber vielleicht warten sie für immer.“ Warten sie. Die anderen. Auch er spricht, als gehöre er nicht dazu.

Als 1998 der Brief mit der Ausreiseaufforderung in Hofstetten eintraf, ahnte er, was auf sie zukommen würde. Von seinen Eltern, die in Bosnien geblieben waren, hatte er erfahren, dass sein Haus und die gesamte Nachbarschaft zerbombt waren, dass in der Stadt kein einziger Betrieb mehr arbeitete und die Provinzpolitiker dafür sorgten, dass die Volksgruppen unter sich blieben. In der Tat leben heute in Jajce in der Mehrzahl bosnische Kroaten. Die Klikos sind Muslime, die hier gemeinsam mit den Kroaten gegen die bosnischen Serben gekämpft haben. Was es nicht leichter macht für Scheval Kliko. „Warum hast du nicht gekämpft für dein Land?“, fragten ihn ehemalige Kollegen. Ein paar Dutzend muslimische Familien sind nach dem Krieg zurückgekehrt, die verbliebenen Serben sind weggezogen. Nur fünf Prozent der Einwohner Bosniens wohnen noch dort, wo sie vor dem Krieg gelebt haben.

17 Jahre nach dem Friedensabkommen von Dayton hat sich wenig normalisiert in dem Land, das auch verwaltungsrechtlich zweigeteilt ist: in die Föderation Bosnien-Herzegowina und die Republika Srpska. Zwei Teile, die sich weder in der Bildungspolitik noch in der Wirtschaftsförderung, nicht einmal in der Beschilderung der Straßen einig sind. Die meisten Politiker sorgen nur für die eigene Volksgruppe, schüren Hass auf die anderen. In den zerschossenen Bezirken ragen prächtige Moscheen auf wie eine paradiesische Verheißung. An Wahltagen kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen. Beobachter warnen, dass es auch am morgigen 7. Oktober, an dem in Bosnien die Kommunalwahlen angesetzt sind, nicht ruhig bleiben wird.

Das Friedensabkommen von 1995, das den Bürgerkrieg beendete, war vor allem auf Druck der EU und der USA zustande gekommen. Wenige Monate nach dem Massaker von Srebrenica und noch während der Blockade von Sarajevo hatten es der serbische Präsident Slobodan Milosevic, der kroatische Präsident Franjo Tudjman und der bosnisch-herzegowinische Präsident Alija Izetbegovic unterzeichnet. Kurz darauf begannen die deutschen Bundesländer mit der Ausweisung der Kriegsflüchtlinge. Bis 1999 waren fast 80 Prozent der 2,2 Millionen Bosnier, die in Deutschland immer nur geduldet waren, zurück in ihrem Heimatland. Österreich, Holland, Schweden und Dänemark dagegen erkannten die meisten der bis 1996 gestellten Asylanträge an. In einer Studie, die damals vom UN-Flüchtlingshilfswerk und mehreren Wohlfahrtsverbänden in Auftrag gegeben wurde, heißt es: „Die bundesdeutsche Strategie eines fortgesetzten Ausreisedrucks auf bosnische Bürgerkriegsflüchtlinge ist im europäischen Kontext singulär.“ Es war ein rüder Abschied.

Von der Ankunft in Deutschland dagegen schwärmen die Klikos noch heute. Der Hofstetter Ladenbesitzer überreichte ihnen ein Essenspaket, die Nachbarinnen boten an, auf die Kinder aufzupassen, der katholische Pfarrer lud sie ins Pfarrhaus ein. Bis heute erinnert sich Indira, wie aufgeregt sie war, als sie dort die „wunderschönen Heiligenbilder“ sah. „So etwas gibt es in unserer Religion nicht.“

Im Kindergarten lernte sie, „Grüß Gott“ zu sagen und „Servus“, zur Schule wurde sie später von der Mutter ihrer neuen Freundin Nicole gefahren, die Mädchen aus ihrer Klasse schenkten ihr ein Poesiealbum, in das sie schrieben: „Ich bin klein, mein Herz ist rein.“

„Die Deutschen haben uns viel geholfen“, sagt auch ihre Mutter. „Die wussten, was Krieg bedeutet.“

Hinter der Stadt Jajce falten sich die Berge auf, von Laubwäldern überzogen wie von einem Pelz. An ihrem Fuß schlängelt sich die Pliva, speist eine Kette smaragdfarbener Seen und ergießt sich schließlich in einem gewaltigen Wasserfall in den Fluss Vrbas. Das Touristengrüppchen richtet seine Kameras auf die Altstadt, die demnächst in die Liste des Weltkulturerbes der Unesco aufgenommen werden soll, auf die Esma-Sultan-Moschee und den Lukasturm.

Steif sitzt Indira Kliko auf der Festungsmauer. Eine der Touristinnen hat sie gebeten, sich für ein Erinnerungsfoto vor dem Stadtpanorama zu postieren. Nervös zieht sie ihr T-Shirt in die Länge. „Ich mag keine Fotos“, sagt sie. Sie sehe so traurig darauf aus. „Bitte“, sagt die Fotografin, „das Licht ist gerade so schön!“ Glutrot versinkt die Sonne hinter der Flussbiegung und taucht die Friedhöfe an den Hängen in filmreifes Licht.

Beim Festtagskaffee tags darauf im Haus der Eltern ist Indira, die sich dort ein Zimmer mit ihren Geschwistern teilt, wie verwandelt. Es ist der Nachmittag des Bayram-Festes, das den Fastenmonat Ramadan beschließt. Die Familie hat sich um den Couchtisch versammelt, den einzigen Tisch, den sie besitzt. Indira hat Bananenkuchen gebacken, nach einem deutschen Rezept, die Mutter Baklava, traditionelles Blätterteiggebäck.

„Familie ist das Wichtigste bei uns“, sagt der Vater. Indira übersetzt, obwohl ihr Vater flüssig Deutsch spricht. Ihre Stimme klingt stolz. Aufrecht sitzt sie im Sessel, gestikuliert mit den Händen. „Ja, Familie ist wichtig“, sagt auch sie. „Ich denke ständig nach, wie ich das Leben für meine Eltern leichter machen könnte.“ In Hofstetten lernte sie am schnellsten die deutsche Sprache, wurde zur Familiendolmetscherin, die den Antrag für den Sportverein übersetzte, Behördendokumente, die Papiere für den Kreißsaal, als ihr Bruder Jasmin geboren wurde. Ihren Geschwistern half sie beim Eingewöhnen in der neuen Umgebung. Sie selbst hatte niemanden, mit dem sie über Schwierigkeiten sprechen konnte. „Ich musste mit allem allein zurechtkommen“, sagt sie. Es klingt stolz. Aber dabei zieht sie die Schultern hoch, als habe sie eine Last zu tragen.

Heute ist sie die Familienernährerin. 200 Euro beträgt ihr Gehalt im Museum, sechs Familienmitglieder leben davon. Im Hausflur stapeln sich die Mehlsäcke. Wie sie das Holz für den Winter bezahlen sollen, wissen sie nicht.

Jasmin, der Sohn, der in Bayern geboren wurde, zieht den Kopf ein. Groß wie ein Basketballer ist er, aber sein Körper wirkt verbogen, die Hüfte eingeknickt, die Schultern hängen, die Halsmuskeln sind wie erstarrt. Ausdruckslos starrt er auf den Fernseher, wo eine Reportage aus Srebrenica flimmert. Der Reporter deutet auf die Menschen, die sich zwischen den Grabsteinen drängen. „Auf unseren Friedhöfen wird es von Jahr zu Jahr voller“, sagt er. „Wir finden immer noch neue Knochen.“

Jasmin beginnt, mit dem Oberkörper hin und her zu schaukeln, eine Bewegung, die an Hospitalismus denken lässt. „Jasmin, du bist doch ein deutscher Junge! Sag doch mal auf deutsch, wie alt du bist!“, ermuntert ihn die Mutter. „Pjatdesjat“, murmelt er, das bosnische Wort für 15. „Jasmin, deine Lehrerin hat gesagt, dass du gerne Sprachen studieren würdest“, versucht es die Mutter weiter und lächelt. Sie ist die einzige in der Familie, deren Gesicht weich ist und deren Bewegungen unverkrampft wirken.

Jasmina, die ältere Schwester, lebt seit vergangenem Jahr in den Niederlanden. Sie hat einen Mann aus Jajce geheiratet, der mit seinen Eltern im Krieg dorthin geflüchtet war und mittlerweile einen niederländischen Pass besitzt. Geld hat sie bisher nicht nach Hause geschickt. „Sie kann nicht. Ihr Mann verdient nur den Mindestlohn, und die Schwiegermutter ist pflegebedürftig“, sagt Indira wie entschuldigend. Sie bedaure nur, dass sie so von ihrem eigenen Gehalt weiterhin nichts für ein Studium zurücklegen könnte. Sie würde gerne Dolmetscherin werden. Ihre Schulfreunde aus Hofstetten würden es gar nicht zu schätzen wissen, dass sie sich einfach an einer Uni einschreiben könnten. „Für die ist das selbstverständlich.“

Vor einem Jahr hat Indira wieder Kontakt zu ihnen aufgenommen. Über Facebook, von dem Computer des Tito-Museums aus. „Ist der Krieg denn schon zu Ende?“, schrieb ihr ein Klassenkamerad zurück, ein anderer fragte erstaunt, warum sie eigentlich nicht im Kosovo sei. „Sie haben sich nie dafür interessiert, wie ich hier lebe“, sagt Indira. Aber das sei nicht schlimm, das Wichtigste sei, dass sie etwas von Hofstetten erfahre. „Mich hat alles interessiert: Ob sie noch im Dorf wohnen, ob sie eine Freundin haben, wie es den Eltern geht.“ Dabei stellte sie fest, dass ihre Klassenkameraden untereinander kaum noch Kontakt haben. Der eine trage die falschen Klamotten, der andere habe einen schlechten Musikgeschmack, und die dritte einen langweiligen Job. Für sie wären alle gleich gut gewesen. „Man muss doch zusammenstehen, wenn man so viel Schönes miteinander erlebt hat.“

Eines Tages werde sie zurückkehren, sagt sie, um „die getrennten Stränge meines Lebens zu verbinden“. Und um ihren Traum von einem eigenen Leben zu verwirklichen. „Ich bin die einzige in der Familie, die noch Träume hat“, sagt sie.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben