Politik : Sein Leipzig lobt er sich

Wolfgang Tiefensee will in der Kommunalpolitik bleiben – und setzt jetzt erst recht auf die Olympiabewerbung

Robert Ide,Markus Feldenkirchen

Von Robert Ide

und Markus Feldenkirchen

Am Tag nach dem Ende seines politischen Aufstiegs sitzt Wolfgang Tiefensee in Berlin im Haus des Städtetages und lobt die Vorzüge der Kommunalpolitik. „Ich kann als Leipziger Oberbürgermeister bundespolitisch und auf europäischer Ebene viel bewegen“, sagt Tiefensee im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Und dann berichtet er von seiner Arbeit in der Hartz-Kommission zur Reform des Arbeitsmarktes, vom Vorsitz im europäischen Städteverbund Eurocities – und natürlich von der „großen Herausforderung Olympia“. Tiefensee sagt über sich: „Ich bin Oberbürgermeister. Daraus leitet sich meine fachliche und politische Arbeit ab.“

Es ist nicht lange her, da klang alles noch anders. Da hatte Tiefensee auf die Frage, welche Karriere er plane, geantwortet: „Lassen Sie uns lieber übers Wetter reden.“ Mit solchen Aussagen hielt er sich politische Ambitionen offen, die über Leipzig hinausgingen. Doch am Montag rückte er davon ab. Tiefensee verzichtet darauf, im kommenden Jahr als SPD-Spitzenkandidat bei der sächsischen Landtagswahl anzutreten. Eigentlich wollte er sich die Option bis Frühjahr bewahren, auf einen entsprechenden Fahrplan hatte er sich mit Sachsens SPD und der Bundesspitze der Partei geeinigt. Nun sagt Tiefensee: „Ich habe leider meinen Freunden in der sächsischen SPD sagen müssen, dass ich diesen Fahrplan nicht mehr einhalten kann.“

Zu stark war der Druck auf den Bürgermeister geworden, sein Engagement für Leipzigs Bewerbung um Olympia 2012 von politischen Ambitionen zu trennen. Der Betroffene sagt: „Die Spekulationen über meine Zukunft haben die Bewerbung überlagert. Und das war nicht gut.“ Genährt wurden diese Spekulationen von Sachsens CDU unter Ministerpräsident Georg Milbradt. Auf sein Betreiben waren die Olympiamanager Hermann Winkler (gleichzeitig CDU-Generalsekretär) und Wolfram Köhler (Olympiastaatssekretär unter Milbradt) zurückgetreten – angeblich, um Olympia zu entpolitisieren. Doch dahinter, das weiß auch Tiefensee, steckte wohl das Bestreben, den Sozialdemokraten unter Druck zu setzen, ebenfalls zu verzichten. So war in Sachsen zuletzt weniger von Olympia die Rede als vom bevorstehenden Duell Milbradt-Tiefensee. Da beide im Aufsichtsrat der Olympiagesellschaft sitzen, hatte der Vorwahlkampf auf die Bewerbung übergegriffen. Aber hätte sich Tiefensee nicht mit Milbradt auf einen politischen Frieden einigen können? Tiefensee überlegt kurz. „Politischer Frieden im Wahlkampf? Das ist eine hypothetische Möglichkeit. Die letzten Wochen haben mich bewogen, meine Entscheidung jetzt zu veröffentlichen.“

Zurück lässt Tiefensee eine sächsische SPD, die bei den letzten Wahlen nur 10,7 Prozent der Stimmen holte und die nun ihren einzigen guten Spitzenkandidaten verloren hat. Hat Tiefensee also Sachsen der CDU überlassen? Er sagt dazu: „Natürlich ist es schwer für die sächsische SPD.“ Mit der Bundespartei hat Tiefensee seinen Rückzug abgestimmt. „Solch eine klare Positionierung fällt nicht vom Himmel.“ Nun hofft er darauf, dass „die Parteifreunde in Land und Bund Verständnis für meine Entscheidung haben“.

In der SPD-Spitze verstehen sie offenbar den Querkopf Tiefensee – auch wenn er mit seiner Absage bereits zum zweiten Mal den Wünschen aus Berlin nicht nachkommt. Im Herbst 2002 wollte Kanzler Schröder ihn zum Superminister Ost machen, doch Tiefensee lehnte ab. „Wir finden, dass die Olympischen Spiele ein nationales Interesse sind und haben Verständnis, dass Herr Tiefensee dieses Projekt umsetzen will“, hieß es am Dienstag aus der SPD-Parteizentrale.

Natürlich würde es Tiefensee auch reizen, sich in die großen Parteidebatten um den demokratischen Sozialismus oder um die soziale Gerechtigkeit einzumischen. „Das interessiert mich natürlich sehr. Schließlich sind auch die langen politischen Linien wichtig“, sagt Tiefensee. „Aber nun geht es darum, die Tagesaufgaben anzupacken.“ Und dann schwärmt er wieder von der Kommunalpolitik. Bereut er es, nicht dem Ruf des Kanzlers ins Bundeskabinett gefolgt zu sein? Tiefensee winkt ab: „Das ist Schnee von gestern.“

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