Politik : Sein und Haben

Von Ingrid Müller

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Uns geht’s gut. Vor Weihnachten waren die Geschäfte endlich wieder voll. Wer an den Adventssamstagen im KaDeWe etwas Schönes für die Lieben erstehen wollte, tat gut daran, zu überlegen, ob er schon alles beisammen hat und sich an der Kasse anstellt – denn die Schlangen waren in manchen Etagen gigantisch. Der Einzelhandelsverband jubelt. Auch die Wirtschaftsinstitute haben nichts zu meckern, sondern ihre Wachstumszahlen fröhlich nach oben korrigiert. Uns geht’s gut. Welch ein Fest nach all dem Jammern. Oder etwa nicht?

Uns geht’s gut. Wir sind modern. Haben feste Unterhaltungselektronik gekauft. MP3-Player, Flachbildschirme, Handys, Playstations. Sogar die katholische Kirche will dabei sein. Ihre Priester versenden für alle unterwegs per SMS einen Reisesegen. Selbst die 80-jährige Queen springt auf den Zug der Zeit – ihre Weihnachtsbotschaft an die Untertanen gibt es diesmal auch als Podcast. Über die Generationen will sie sprechen. Darüber, was Junge den Alten zu bieten haben und was Alte den Jungen.

Geht’s uns gut?

Jeder neunte Bundesbürger hat in einer Umfrage angegeben, an Weihnachten sei er einsam. Jeder siebte Berliner kann seine Rechnungen nicht mehr bezahlen. Viele Überschuldete haben sich dennoch ins Weihnachtsgeschäft locken lassen. Bei Frank Zanders jährlicher Weihnachtsparty in Berlin sind 2000 Obdachlose aufgekreuzt – mehr als je zuvor. Geht’s uns gut?

Einem Teil geht es gut. Immer besser sogar. Aber es wächst auch die Zahl derer, denen es schlechter geht. Viele davon kennen sich im Internet aus. Manche versuchen, dort der Einsamkeit zu entfliehen. Manche kaufen dort ein. Sind ganz modern. Aber kommen in den modernen Zeiten doch nicht zurecht. Machen ihren Kindern öfter nichts zum Frühstück, bevor die in die Schule gehen. Geht’s uns gut?

Vielleicht sind wir gerade an einem Wendepunkt . Wie gut sind wir darin, aus der auseinanderklaffenden Gesellschaft wieder ein zusammenpassendes System zu schmieden? Wo wir weniger nebeneinander und wieder mehr miteinander leben? Damit es uns weiter gut geht. Wie gut sind wir darin, andere teilhaben zu lassen? Eine Chance, sich der Frage zu stellen, bieten der Politik EU- und G-8-Präsidentschaft. Für den Umgang im eigenen Land wie für den Umgang mit der Welt. Das wird uns fordern. Alle zusammen. Und jeden Einzelnen. Wer kann noch etwas abgeben? Wem sind wir bereit, etwas (ab-) zu geben? Das mag altmodisch klingen in unserer ach so modernen Welt. Aber nur zusammen sind wir stark. Welche Folgen es hat, wenn sich die Schere zwischen unten und oben zu weit öffnet, können wir in anderen Ländern gut besichtigen. Länder, in denen die meisten von uns nicht wohnen möchten. Auch die, die viel haben, nicht. Denn letzten Endes müssen sie sich dort oft hinter hohen Mauern verschanzen. Geht es einem dann gut?

Jenseits von iPod und Playstation haben sich viele Kinder rund um die Globus übrigens einen altmodischen Glauben erhalten: 250 000 Wünsche kamen beim deutschen Weihnachtsmann an. Der Favorit: Schnee. Dass die Kleinen schon merken, dass die Flocken immer öfter ausbleiben, glauben die Engel vom Amt nicht. Dahinter stecke wohl doch der Wunsch, es möge ihnen selbst gut gehen. Denn nur bei Schnee kann der Weihnachtsmann seinen Schlitten anspannen. Und die Geschenke bringen. Dann geht’s uns gut.

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