Politik : Seit’ an Seit’

UND NUN MÜNTEFERING

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Von Tissy Bruns

Ein seltsamer, verblüffender Vorgang hat sich da in der SPD abgespielt. Der eine, der übrig geblieben ist aus den Kämpfen der Nachfolger von Brandt, Wehner, Schmidt, legt den Parteivorsitz in andere Hände, unter Druck zwar, aber gerade noch aus eigener Initiative. Gerhard Schröder hat sich zu einem verwegenen Befreiungsschlag entschlossen. Verwegen, weil der Bundeskanzler mit der Operation Verzicht eigene Grenzen einräumt. Das passt nicht nur schlecht zu Schröder; es kann auch leicht gefährlich werden, wenn ein Regierungschef auf einmal weniger ist, als er vorher war. Verwegen, und deshalb doch wie ein „typischer Schröder“, wirkt diese Entscheidung aber auch, weil der Bundeskanzler zeigt, dass er wieder einmal bereit ist, alles auf eine Karte zu setzen – und sich dadurch Aussichten auf einen Schritt nach vorn zu öffnen.

Mit Franz Müntefering steht künftig einer an der Spitze der SPD, der von Herkunft, Alter, Habitus so etwas wie das missing link ist: zwischen der SPD der drei großen Alten und der, von der Schröders Generation meinte, sie würde sich durch Regierungshandeln schon irgendwie formen lassen. Diese Lücke kennt nicht nur die SPD, sie ist typisch für ganz Deutschland, dass sich nach vielen ruhigen Jahren abrupt in Reform, Verzicht, Verlust gestürzt sieht. Müntefering ist als SPDVorsitzender die perfekte Personalisierung des Gedankens von einem Reformtempo, das die SPD, ihre Wähler, die Deutschen mit- und ihre Motive ernst nimmt. Ein Angebot an die vielen Verunsicherten.

Als Traditionalist wird Müntefering insofern richtig eingestuft, als er es schafft, die SPD-Tradition glaubhaft zu verkörpern, die man in den SPD-Ortsvereinen in Wahrheit nicht mehr findet. Irgendwie nimmt man sie ihm ab, die Idee von einer besseren Welt, in der Sozialdemokraten für die da unten den Weg nach oben öffnen – wenn die sich denn mit eigener Leistung durchboxen wollen. Den sozialdemokratischen Seelen, die im öffentlichen Dienst, in Gewerkschaften und Verbänden ihren Glauben an diese Art von Fortschritt unbemerkt in solides Besitzstandsdenken verwandelt haben, flößt der Leistungssozialdemokrat Müntefering Vertrauen ein, wo Schröder nach dem Agenda-Jahr nur noch Verlustangst auslöst. Und deshalb wird der Sauerländer die Etikettierung als Beton-Sozi weiter mit Fassung tragen: Sie erleichtert ihm sein Wirken als verkannter Modernisierer.

Dass Schröder und Müntefering für SPD-Mitglieder und Wähler mental zwei Pole, in der Reform-Sache aber ein entschlossenes Duo sind, daran kann kein Zweifel sein. Als Kampa-Chef, Generalsekretär, Fraktionsvorsitzender hat Müntefering nie ein Missverständnis darüber aufkommen lassen, dass er mit der SPD den Weg zum Mentalitätswechsel, zur modernen Regierungspartei gehen will. Sein Bild davon ist so schemenhaft wie alles in der Programmpartei SPD fade geworden ist, was einmal Theorie oder Grundsatz war. Die Vision, die Grundmelodie, die Schröders Agenda fehlt, wird auch SPD-Chef Müntefering nicht nachliefern. Immerhin aber das Gefühl, dass einer auf Maß und Handwerk achtet.

Den Einsatz verwegener Mittel muss wagen, wer vor einem Jahr der kaum mehr abwendbaren Wahlniederlagen steht. Befreiungsschläge dieser Art haben allerdings den Nachteil, dass man die unkalkulierbaren Risiken hinnehmen muss. Schröder ist schwächer, Müntefering stärker geworden. Neue Kraft durch Arbeitsteilung, das gilt für die nächste Zeit. Doch Schröder wird bei seiner Entscheidung gelegentlich daran gedacht haben, dass ein Männer-Duo in der Politik eine prinzipiell instabile Beziehung ist.

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