Politik : Seit der Katastrophe läuft das Geschäft schlecht auf dem Basar von Istanbul

Thomas Seibert

Auf Schutz von oben hoffen die Händler im Großen Basar von Istanbul schon immer. "Gott liebt den, der Handel treibt", lautet die Inschrift auf einem der Tore zu dem riesigen überdachten Markt in der Altstadt der türkischen Metropole. Doch an jenem Nachmittag vor wenigen Wochen wollten sich Ali Demirkiran und seine Händler-Kollegen im Markt nicht auf die schützende Hand Allahs verlassen: Die Erde bebte, und jeder ließ alles stehen und liegen und rannte los. Von Demirkirans Ledergeschäft im Basar bis zum nächsten Ausgang sind es zwar nur ein paar Schritte, doch der 62-Jährige lief so schnell, wie ihn seine Beine trugen: Ihm und allen anderen im Markt und in der Türkei steckte die Angst vor einer Katastrophe wie im August in den Knochen; ein Nachbeben genügt, um selbst die abgebrühte Händler-Gemeinde in Angst und Schrecken zu versetzen. "Alle liefen hinaus", erinnert sich Demirkiran. "Keiner schloss in der Eile seinen Laden ab." Risse in den Wänden zeugen von der Wucht des Bebens.

Dem Besucher erscheint der knapp 31 Hektar große Basar als chaotisches Gewirr aus Gewölben, Gängen, Gassen und Straßen. Das riesige überdachte Areal mitten in der Altstadt von Istanbul ist eine Welt für sich. Sie ist beleuchtet durch Lichtschächte, Fenster und Tausende von Lampen und bevölkert von Händlern, Kunden, Laufburschen, Lastenträgern und Touristen, die zehn Stunden am Tag durch die Gänge schwärmen. Seit Jahrhunderten registriert der Basar wie ein Barometer die gesellschaftlichen Stimmungen in der Türkei. Wie an kaum einem anderen Ort spiegelt sich im Marktleben die Geschichte, vom Erdbeben bis zur Außenpolitik, von Boom-Zeiten im Handel bis zur Krise im Tourismus. Zurzeit verirrt sich kaum ein Besucher in Demirkirans Laden. "Kein Mensch will Lederjacken kaufen; dabei sind sie jetzt billiger als im Winter", seufzt er und lässt für den Besuch Tee holen.

Seit einem halben Jahrhundert arbeitet Demirkiran, dessen Familienname übersetzt "Eisenbrecher" heißt, schon im Basar. Nur in den sechziger Jahren unterbrach er seine Händler-Karriere für kurze Zeit: Damals ging er für einige Jahre als Fußballer nach Schwäbisch-Gmünd und später nach Stuttgart, wo er sich den Beinamen "Schwarzer Bomber" erwarb, den er heute noch gerne verwendet. "Es gab keinen besseren Linksaußen", sagt Demirkiran lächelnd in immer noch perfektem Deutsch mit schwäbischem Einschlag. Mit seinen 62 Jahren lässt Demirkiran das Geschäft allmählich in die Hände der dritten Generation seiner Familie übergehen. Wollte man sich seinen kleinen Laden mit rund 15 Quadratmetern Grundfläche und der Wendeltreppe in den Oberstock kaufen, müsste man ein Vermögen dafür hinlegen: Rund 400 000 US-Dollar (umgerechnet etwa 720 000 Mark) kostet ein Geschäft in dieser Lage im Basar - dabei liegt es in einer Seitenstraße, die so wenige Touristen anzieht, dass Demirkirans Schwiegersohn auf der nahen Hauptstraße steht und versucht, Kunden anzuwerben. Ein Geschäft auf der Hauptstraße des Marktes kostet Millionen. "Das ist wie der Kurfüstendamm", sagt Demirkiran.

Der Basar ist vor allem ein Besuchermagnet mit 4400 Geschäften, der mehr als zehntausend Menschen Arbeit gibt. Obwohl es hier und da noch Haushaltswaren und Bettwäsche zu kaufen gibt, richtet sich das Angebot inzwischen meist an ausländische Besucher. Der 550 Jahre alte Markt sei ein "historisches Monument und ein Tourismusziel in einem", erklärt der Vorsitzende des Basari-Vereins, Faruk Darenda. Deshalb bekommen die Basaris in ihrem alten Gemäuer auch die aktuelle Krise des türkischen Tourismus mit voller Wucht zu spüren. Lederhändler Demirkiran macht sich Gedanken über die Wirkung der PKK-Drohungen gegen ausländische Besucher in der Türkei. "Dieser Sommer war die schlechteste Saison, seit ich hier arbeite", schimpft er. Obwohl die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) ihrer Drohung vom März keine Anschläge gegen Touristen folgen ließ, seien die Leute verängstigt. Sein erster Gedanke galt daher auch nicht seiner eigenen Sicherheit, als ihm kürzlich beim Mittagessen das Restaurant um die Ohren flog, sondern dem Image des Basars: An einem Tag kurz vor dem Erdbeben vom August saß Demirkiran gerade mit seinem Schwiegersohn beim Kebap, als das Lokal in die Luft ging. Es gab einen gewaltigen Knall, Wände stürzten ein, Menschen versuchten, aus dem kleinen Raum in der Außenwand des Basars auf die Gasse zu fliehen. Ein Gaskanister in der Kellerwerkstatt eines Silberschmieds unter dem Lokal war explodiert und verwüstete das Restaurant darüber. Demirkiran wurde am Arm verletzt, doch die Wunde am Ellenbogen war Nebensache: Der 62-jährige fürchtete vor allem, dass die Berichte über die Gasexplosion Touristen fernhalten könnten.

Explosionen sind auf keinen Fall gut fürs Geschäft der Basaris, egal, was dahinter steckt. "Die letzten Jahre waren schon schlecht, aber jetzt kommt überhaupt keiner mehr", sagte Seyfi, ein junger Verkäufer in einem Porzellangeschäft. Wie die meisten Basaris arbeitet er schon lange im Markt. Alles, was er weiß, verdankt er seinem Job: seine Kenntnisse über die verschiedenen Techniken bei der Herstellung von bemalten Vasen und Schüsseln ebenso wie sein Verhandlungsgeschick und seine Fremdsprachen. Deutsch, Englisch und Französisch hat er sich im Laufe seiner zwölfjährigen Verkäufer-Karriere beigebracht: Er hörte ausländischen Touristen zu und begann langsam mit dem Nachsprechen. Lehrbücher habe er noch nie in der Hand gehabt, sagt er: "Der Basar ist wie eine große Universität." Dieser Eifer nützt Seyfi und den anderen Basaris derzeit allerdings nur wenig.

Der Umsatz ist gesunken, die Preise auch. Zudem haben die Händler wie die ganze türkische Wirtschaft mit einer Inflation von 65 Prozent zu kämpfen. Nicht nur der Große Markt, sondern die ganze Türkei befindet sich in der Krise. Einige Läden im Bazar stehen leer. In Demirkirans Lederwerkstatt arbeiten nur noch acht Angestellte; in normalen Zeiten sind es um die 30. Spätestens im Winter soll es wieder aufwärts gehen - doch zumindest bis dahin dürfte es ruhig bleiben im Laden des ehemaligen Gastarbeiters.

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