Politik : Seit der Lewinsky-Affäre haben die meisten Amerikaner genug vom Politikstil Bill Clintons

Robert von Rimscha

Immer im Dezember werden die Amerikaner gefragt, wen unter allen Lebenden sie am meisten verehren. Diesmal lautete die Antwort: Bill Clinton, gefolgt vom Papst. Die Verteidiger des Präsidenten nutzen das Umfrage-Ergebnis für die These, vom Impeachment, dem Amtsenthebungsprozess vor dem Senat im Januar und Februar, sei kein schaler Nachgeschmack übrig geblieben. Clintons Gegner sehen es anders. Präsidenten siegen bei der Respekts-Erhebung stets. Und nie hat einer niedrigere Prozentzahlen bekommen als Clinton.

1998 war das verlorene, das Lewinsky-Jahr. Das eigentliche Verfahren folgte, als der Ausgang schon klar war: Das amerikanische Volk sah eine private Verfehlung, kein politisches Verbrechen. Die Demokraten hielten ihrem Präsidenten die Stange. Ermittler Kenneth Starr und Kronzeugin Linda Tripp waren unbeliebter als Clinton, der zum Opfer mutierte. Als am 12. Februar das Urteil kam, blieb die Überraschung aus. Weder für den Anklagevorwurf Justizbehinderung (50 Stimmen) noch für den Vorwurf Meineid (45) fand sich die nötige Zwei-Drittel-Mehrheit von 67 Senatoren-Voten, die die Clinton-Ära beendet hätte. Es war indes ein Freispruch zweiter Klasse. Eine Verurteilung hätte eine Amtsenthebung bedeutet. Eine Trennung sieht die US-Verfassung nicht vor. Dies rettete Clinton im Senat.

"Das Schockierende ist ja nicht, dass Clinton gelogen hat, sondern dass er in einer Umfrage vorab klären ließ, ob die Wahrheit politisch tragbar sei", meint der US-Historiker David McCullough. Dies dürfte das Erbe des ersten Amtsenthebungsverfahrens seit 1868 sein. Clinton hat einen Politik-Stil gründlich diskreditiert: seinen eigenen. Jene, die für seine Nachfolge in den Startlöchern stehen, sind verzweifelt um Authentizität bemüht und versprechen, niemals Umfragen zu konsultieren, ehe sie heikle Entscheidungen fällen.

Kurzfristig zahlten die Republikaner, die Mehrheit im Kongress, einen höheren Preis als Clinton. Repräsentantenhaus-Sprecher Gingrich trat stillschweigend ab, um eine Affäre geheim zu halten, sein Wunschnachfolger Livingston stolperte vor der Ernennung über Außereheliches, und die führerlosen Republikaner fanden sich in der Hand zweier Texaner wieder: Tom DeLay, der De-facto-Parteichef im Kongress, und George W. Bush, der Gouverneur und Präsidentschaftskandidat, der vor allem für Washington-Ferne steht. Der Vorwahlkampf für die Kür des Clinton-Nachfolgers im November 2000 war das innenpolitische Ereignis des Jahres 1999. Der Aufstieg John McCains gegen George W. Bush und jener Bill Bradleys gegen Vizepräsident Al Gore, der Clinton in keiner Wahlkampfrede erwähnt, zeigt deutlich, wie sehr Amerika einen Schlussstrich will. Nicht unter die Prosperität der Clinton-Jahre, aber unter die Ära, die sich mit seiner Person verbindet. Und Clinton selbst wird einsam. Gore ist in den Wahlkampf und Hillary für den ihren nach New York gezogen.

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