Politik : „Seit Monaten gibt es ein Machtvakuum“

Architekt Christof über die Bedrohung durch Anschläge

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ALEXANDER CHRISTOF

ist Chef von „Architekten für Menschen in Not“.

Sein Team in Bagdad kümmert sich unter anderem um den Aufbau von Wasserleitungssystemen. Foto: Privat Gehen Sie in Bagdad noch auf die Straße?

Wenn wir als Ausländer uns in der Stadt bewegen, dann nur noch, wenn es absolut notwendig ist. Das heißt, das deutsche Personal fährt nach wie vor zu unseren Projekten, um dort nach dem Rechten zu sehen, in der Regel ein bis zwei Mal täglich. Wir gehen aber zum Beispiel nicht mehr im Supermarkt Einkaufen, das machen irakische Mitarbeiter.

Werden Sie trotzdem weiterarbeiten?

Wir haben hier die Verantwortung für sehr viele Menschen übernommen. Wenn wir jetzt abziehen, dann sind die extrem enttäuscht. Außerdem sind unsere Programme auf Monate angelegt, und wir können sie nicht einfach ruhen lassen. Gleichzeitig leben wir aber mit der höchsten Alarmstufe. Ich frage meine Mitarbeiter jeden Tag, ob sie weitermachen, eine Auszeit brauchen oder aufhören wollen. Bisher wollen alle bleiben.

Warum lassen Sie sich nicht von irakischen Polizisten schützen?

Deren Hilfe würden wir vermutlich bekommen. Aber in dem Moment, in dem wir Leibwächter bräuchten, könnten wir unsere Arbeit nicht mehr machen. Sie funktioniert nur im direkten Kontakt mit den Menschen. Das Attentat auf das Internationale Rote Kreuz ist ein massiver Rückschlag. Wenn diese riesige Organisation ihre Arbeit reduziert, dann entsteht dadurch eine Lücke, die wir kleinen Organisationen gar nicht füllen können.

Würde es die Lage entschärfen, wenn die UN mehr Einfluss im Irak hätten?

Schwer zu sagen. Seit Mai herrscht in diesem Land ein Machtvakuum. Die Gruppen, die hier Anschläge verüben, haben Monate Zeit gehabt, sich zu organisieren. Es ist viel zu viel Zeit verloren worden, man hat das Thema Sicherheit nicht ernst genug genommen.

Das Gespräch führte Ruth Ciesinger.

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