Sekten : Wie gefährlich ist Scientology?
18.01.2012 15:04 Uhr"Wir müssen drillen und viel, viel mehr werben"
Die Aufregung um den Psychokonzern und sein neues Haus in Berlin führte dazu, dass der Berliner Senat im Sommer 2008 eine Leitstelle für Sektenfragen einrichtete. Stefan Barthel ist einer von drei Mitarbeitern. Er sagt am Telefon, dass die Missionierungsversuche 2007 und 2008 durchaus erfolgreich gewesen seien. Auch die Debatte um Tom Cruise habe Scientology geholfen.
Der Hollywood-Star ist „Operierender Thetan“ der Stufe 8 und Freund von Scientology-Boss David Miscavige. Im Sommer 2007 mischte er Berlin mit seinem Film „Valkyrie“ auf. Wochenlang diskutierten Politiker und Journalisten, ob ausgerechnet Cruise, dessen „Sekte mit dubiosen Methoden versucht, Menschen gefügig zu machen“ (Klaus-Uwe Benneter, SPD), den Widerstandskämpfer Stauffenberg spielen sollte. Schließlich durfte er sogar im Bendlerblock drehen. Im November bekam er dafür noch den „Bambi für Courage“ aus dem Medienhaus Burda – und eine Laudatio von Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Journalisten schrieben von „Heldengottesdienst“. Kritiker waren sich einig: Besser hätte es Scientology nicht einfädeln können.
Im Archiv findet sich auch der Artikel des Journalisten Fredy Gareis. Er hat fünf Monate undercover bei Scientology in Berlin recherchiert und schreibt, dass es im März 2008 eine Feier mit 250 Mitgliedern gab, weil das Berliner Haus angeblich mehr Zulauf hatte als alle anderen europäischen Niederlassungen. Die einzelnen Niederlassungen werden regelmäßig von der Führung in den USA bewertet und erhalten einen bestimmten Status – je nachdem, wie viele Mitglieder sie angeworben und wie viel Geld sie in die USA überwiesen haben. 2009 sollten die Berliner vom amerikanischen Mutterhaus sogar mit dem begehrten „Saint-Hill-Status“ ausgezeichnet werden. Dann hätten sie noch teurere Kurse anbieten und Operierende Thetanen ausbilden können; die wirtschaftliche Basis wäre gesichert gewesen. Der Pokal war graviert, die Einladungen waren verschickt. So haben es ihm Aussteiger erzählt, berichtet Stefan Barthel von der Berliner Sektenleitstelle. Doch die Feier wurde abgesagt. Barthel schließt nicht aus, dass die Organisation einen Imageschaden befürchtete, nachdem die Polizei kurz zuvor gegen ein Mitglied der Berliner Scientologen Ermittlungen aufgenommen hatte. Den Saint-Hill-Status hat die Berliner Zentrale jedenfalls nicht bekommen. Danach ging es offenbar bergab.
In einem internen „Schlachtplan“ von Juli 2010 wird der „Zustand“ der Berliner Niederlassung mit „normal“ angegeben. Das ist kurz vor der „Notlage“. Das Haus müsse wieder gefüllt werden, heißt es im „Schlachtplan“, man müsse „drillen“ und „viel viel mehr werben“.
Anruf bei Ursula Caberta in Hamburg. Die frühere SPD-Politikern beschäftigt sich seit 20 Jahren mit Scientology. Von 1992 bis 2010 leitete sie die „Arbeitsgruppe Scientology“ in der Hamburger Innenbehörde. 2010 wurde die Arbeitsgruppe aufgelöst, Caberta ist in der Innenverwaltung die Ansprechpartnerin für Scientology geblieben. „Auch auf der obersten Führungsebene von Scientology in den USA gibt es Auflösungserscheinungen“, sagt sie. Vertraute von Chef David Miscavige sind ausgestiegen, darunter die Nummer zwei und der Geheimdienstchef. Vor zwei Wochen ging Debbie Cook in einer Mail an 12.000 Scientologen Miscavige direkt an. „Ein ungewöhnlicher Vorgang“, sagt Caberta, denn Kritik an der Führung sei tabu. Cook war viele Jahre ganz oben in der paramilitärischen Kaderschmiede „Sea Org“ tätig und „Captain“ im spirituellen Zentrum von Scientology in Clearwater in Florida. Cook kritisiert die rabiaten Methoden beim Spendensammeln und wirft Miscavige vor, Führungskräfte auszuschalten und Hubbards Ideen zu verraten. Cooks Ansichten „reflektieren eine kleine, unwissende und unaufgeklärte Sicht der Welt von Scientology“, hieß es in einer Stellungnahme von Scientology. Cook werde nun vermutlich zur Feindin erklärt, sagt Caberta. „Hoffentlich überlebt sie das.“















