• Selbst die Getreuen des Ex-Kanzlers gehen auf Distanz, doch der setzt auf Schweigen (Kommentar)

Politik : Selbst die Getreuen des Ex-Kanzlers gehen auf Distanz, doch der setzt auf Schweigen (Kommentar)

Gerd Appenzeller

Nun also auch Friedrich Bohl. Einer der Getreuesten unter den langjährigen Gefolgsleuten des früheren Bundeskanzlers, ein Mann, dem selbst der Hauch einer Intrige gegen Helmut Kohl fremd war, fordert nun auch von ihm Aufklärung über die unbekannten Spender. Und er sagt nichts gegen Angela Merkel, die nach ihrer Veröffentlichung in der "FAZ" zunächst das Ziel des geschlossenen Unmutes der engen Kohl-Vertrauten war. Vor einer Woche war das noch anders. Dies signalisiert zweierlei: Die Zahl derer, die schon eine Bitte an den früheren Kanzler um Auskunft für eine Art von Sakrileg hielten, wird kleiner, ganz klein. Und: Angela Merkel kann sich in ihrem Kurs bestätigt fühlen. Das stilistische Mittel des Briefes, den die vom Verhalten des Vaters tief enttäuschte älteste Tochter an die Familie schreibt, um den Verwandten einen Weg nach vorne aufzuzeigen, hat offensichtlich, nach ersten allergischen Reaktionen, über Tage hinweg langsam, einträufelnd, aber eben dann doch gewirkt.

Friedrich Bohls Distanzierung vom moralischen Unfehlbarkeitsanspruch Helmut Kohls (persönliches Vertrauen ist wichtiger als formale Ansprüche, sagte er ja) wirkt äußerst vorsichtig. Auf die Frage des Deutschlandfunk-Redakteurs an Bohl, ob er nicht auch der Meinung sei, Helmut Kohl solle die Namen der Spender nennen, antwortet der frühere Kanzleramtsminister: "Ja, ich bin auch der Meinung, dass er das tun solle." Und nach dem Hinweis auf das Ehrenwort Kohls an die Spender, sie geheim zu halten, sagt Bohl: "Er muss sehen, dass er beides in Einklang miteinander bringt." Als der Redakteur nachhakt und über die Konsequenzen sprechen will, die ein weiteres Schweigen des früheren Kanzlers wohl nach sich zöge, weicht Bohl aus und antwortet ganz allgemein: "Ich gehe davon aus, dass die Angelegenheit geklärt und bereinigt werden kann." Das alles klingt nicht sehr mutig und gewiss nicht nach Revolution. Aber für Friedrich Bohls Verhältnisse ist das eine ganze Menge an Distanz, und da es in der Union viele wie Bohl gibt, die sich bis zur Selbstverleugnung in Loyalität gegenüber Helmut Kohl übten, ist es eben doch ein Indiz für einen Stimmungswandel.

Was hat diesen Wandel bewirkt? Zum einen sicher die von dunkler Vorahnung zur Gewissheit gewordene Sorge, der Vorgang könne die Union finanziell ins Mark treffen. Die Wirtschaftsprüfer, die die Rechenschaftsberichte der CDU in aller Eile neu ordnen und korrigieren müssen, tappen weitgehend im Dunkeln. Viele der Zahlungen aus den schwarzen Kassen Kohls und von den Konten Weyrauchs lassen sich nicht korrekt einordnen.

Wo die Prüfer das doch versuchen, handeln sie nach Plausibilitäten, nicht nach Fakten. Wenn die Unionsspitze heute glaubt, von den 1,14 Millionen Mark Fraktionsgeldern, die auf die geheimen Konten Kohls getragen wurden, habe man 770 000 Mark wieder aufgespürt, ist das wirklich nicht mehr als der Glaube, es könne so gewesen sein. Ob die 770 000 Mark nicht aus einer anderen, einer schwarzen Quelle an die CDU-Parteikasse gingen - wer weiß es, solange Helmut Kohl schweigt? Das alles wird die CDU viel Geld kosten - Geld, das sie als Strafe für ihr Fehlverhalten an den Bundestagspräsidenten wird zahlen müssen, Geld, das sie weniger an staatlichen Zuwendungen erhalten wird - und schließlich Geld, das ihr aus Enttäuschung künftig nicht mehr gespendet werden wird.

Und da ist noch eine andere Ungewissheit neben der an sich schon quälenden, wie viel Geld durch Kohls schwarze Kanäle floss: Wer waren die Spender? Vielleicht Männer, deren Unternehmen von Ziel und Bestimmung her zur absoluten parteipolitischen Neutralität verpflichtet waren und dennoch der CDU, eben hintenherum, etwas Gutes tun wollten? Und was wäre, wenn wirklich aus dunklen Quellen stammendes oder auch nicht versteuertes Geld dem Altkanzler angedient oder ihm auf dessen Aufforderung hin übergeben worden wäre? Aus Luxemburg direkt an Weyrauch? Jede dieser Erklärungen hat ein gewisses, einige haben sogar ein hohes Maß an Wahrscheinlichkeit. Das heißt aber auch: Kaum einer dieser Spender wird, kann die Maske fallen lassen. Eine Nachforderung vom Finanzamt, das wäre ja noch zu ertragen. Aber wenn mit der Offenbarung die Ruinierung des eigenen Unternehmens verbunden wäre? Setzt also Helmut Kohl, eiskalt kalkulierend, darauf, dass der Rest wieder einmal Schweigen ist? Wenn dem so wäre: arme CDU.

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