Politik : Selbst ernannter Vermittler

Susanne Güsten

Istanbul. Mit kühnem Schwung über den Bosporus verbinden zwei Autobahnbrücken in Istanbul den europäischen Kontinent mit Asien. Die Symbolik ist verführerisch für die Türkei: Das Land will die neue Weltlage nach den Terroranschlägen in den USA nutzen, um sich als Brücke zwischen dem Westen und der islamischen Welt zu positionieren. Der türkische Vorschlag, in Istanbul eine Konferenz von europäischen und islamischen Staaten zu organisieren, wurde von der EU auch schon positiv aufgenommen. Zweifelhaft ist allerdings, was die Türkei in der islamischen Welt tatsächlich ausrichten kann. Denn die staatliche Lenkung der Religion wird von anderen moslemischen Gesellschaften mit Argwohn betrachtet.

Der türkische Außenminister Ismail Cem überbrachte der EU am Wochenende den Vorschlag, sich in Istanbul mit den Mitgliedsstaaten der Islamischen Konferenz zu treffen, um über eine "Harmonisierung der Kulturen" zu beraten. Als moslemische Demokratie will die Türkei die Rolle des Vermittlers zwischen den Religionen übernehmen, was das politische Gewicht des Landes im Westen steigern und seine Chancen auf EU-Mitgliedschaft verbessern würde. Viel mehr dürfte dabei allerdings nicht herauskommen, denn die Türkei ist mit ihrer Religion selbst nicht im Reinen.

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Fotostrecke: Bilder des US-Gegenschlags "Es ist an der Zeit, aufzuwachen und den Kopf aus dem Sand zu ziehen", rief der Leiter des staatlichen türkischen Religionsamtes die islamische Welt jetzt auf und warf den anderen moslemischen Ländern vor, einer rückständigen Interpretation des Koran verhaftet zu sein. Der Aufruf zu einer Aufklärung im Islam dürfte in westlichen Ohren gut klingen, doch in der islamischen Welt wird er ungehört verhallen. Das Religionsamt könne solche Reformen überhaupt nicht initiieren, weil es eine staatliche Institution sei, sagt der türkische Theologe Hüseyin Hatemi. Eine Vorreiterrolle der Türkei in der Entwicklung des Islam sei schon wegen der Unterwerfung der Religion unter staatliche Kontrolle ausgeschlossen.

"Es genügt nicht, dass Europa uns gut findet", argumentiert die Leitartiklerin Gülay Göktürk. "Die Moslems in Nigeria oder Afghanistan müssten uns vorbildlich finden, wenn sie uns nacheifern sollten." Die Türkei aber, die den Islam zur Bedrohung erklärt habe und Mosleminnen das Tragen von Kopftüchern verbiete, sei wenig attraktiv.

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