Politik : Selbstbehauptung durch Selbstbeschränkung

Gustav Trampe

Es gibt Bilder, Momentaufnahmen historischer Ereignisse, die von solcher Eindringlichkeit und Symbolkraft sind, dass sie mehr als viele Worte sagen. Die Proklamation Wilhelms I zum Deutschen Kaiser im Spiegelsaal von Versailles. Bismarck, der Lotse, geht von Bord. Konrad Adenauer und Charles de Gaulle umarmen sich in der Kathedrale von Reims. Willy Brandts Kniefall vor dem Mahnmal im ehemaligen Warschauer Ghetto. Eine solche historische Ikone schmückt Helga Haftendorns "Deutsche Außenpolitik zwischen Selbstbeschränkung und Selbstbehauptung". Zu sehen sind Michael Gorbatschow, Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher samt ihrer Entourage in ausgelassener Stimmung im Kaukasus. Gerade hat der sowjetische Präsident das letzte Hindernis auf dem Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands beiseite geräumt.

Das Titelbild ist Programm. Haftendorn, bis zu ihrer Emeritierung von einigen Monaten Inhaberin des Lehrstuhls für Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen an der Freien Universität in Berlin, geht in ihrer fundierten historischen Studie der Frage nach, wie es Deutschland nach 1945 gelang, seine politische Abhängigkeit und Ohnmacht Schritt für Schritt zu überwinden. Haftendorn beschreibt, wie das Land langsam eigene Handlungsspielräume und internationalen Einfluss zurückgewann, bis es schließlich die Zustimmung seiner gebrannten Nachbarn zur Wiedervereinigung fand. "Wie konnte sich Deutschland von einem doppelt eingebundenen Staat - eingebunden in eine verhängnisvolle deutsche Geschichte und in die strukturellen Abhängigkeiten des Ost-West-Konflikts - zu einem geachteten Mitglied der Völkergemeinschaft entwickeln?"

Nun sind die äußeren Situationen, die einzelnen politischen Entscheidungen und diplomatischen Schritte schon von anderen ausführlich beschrieben worden. Aber Haftendorn versteht ihr Werk auch nicht als Ereignisgeschichte. "Angesichts der strukturellen Abhängigkeiten beider deutscher Staaten und des vereinigten Deutschland konzentriert sich der vorliegende Band auf die Wechselwirkungen zwischen Impulsen, die vom internationalen System ausgingen, und den Reaktionen der handelnden Politiker in Deutschland", schreibt sie. Auf diese Weise gewinnt die Autorin verblüffende Erkenntnisse über das Grundmuster der Bonner Außenpolitik nach dem Krieg. Sie weist eine methodische Übereinstimmung aller Regierungen nach - welcher Couleur auch immer -, die das hohe Maß an außenpolitischer Kontinuität erklärt, über das auch alle leidenschaftlichen und manchmal geradezu unversöhnlichen Debatten etwa über die Westpolitik Adenauers oder die Ostpolitik Brandts nicht hinweg täuschen können.

Haftendorn nennt den gemeinsamen Nenner der deutschen Außenpolitik "Strategie des Multilaterismus". Mit ihrer Hilfe, etwa durch die Beteiligung am Europäischen Einigungsprozess, die Einbindung in die Nato oder die Vertragspolitik mit dem Osten, gewinnt die deutsche Politik immer neue Mitwirkungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten. Die Autorin bringt das auf die Formel: die "Methode Adenauer", Souveränitätsgewinn durch Souveränitätsverzicht. Die als Folge der bedingungslosen Kapitulation zunächst von außen auferlegten Beschränkungen werden schrittweise in Selbstverpflichtungen umgewandelt. Im Rahmen ihrer begrenzteren Möglichkeiten folgte auch die DDR diesem Prinzip.

Helga Haftendorns sorgfältig recherchierte, auf die Auswertung zahlreicher unveröffentlichter Akten und Dokumente gestützte "Deutsche Außenpolitik" umspannt die Zeit von 1945 bis 2000, also auch das erste Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung. Die außenpolitischen Restriktionen, wie etwa die alliierten Vorbehaltsrechte und die ideologischen Zwänge des Kalten Krieges, gehören der Vergangenheit an. Der außenpolitische Spielraum der Bundesrepublik hat erheblich zugenommen. Gerhard Schröder erklärt Deutschland für "erwachsen". Berlin engagiert sich militärisch nun auch verstärkt außerhalb des Nato-Bereiches und tritt weit fordernder als früher innerhalb der Europäischen Union auf.

Die Autorin registriert und erwägt all diese Umstände und die Tendenzen zu einer selbstbewussten und unabhängigeren Außenpolitik sorgfältig. Trotzdem kommt sie zu dem überzeugenden Urteil, dass die deutsche Außenpolitik sich auch in diesen Jahren nur graduell verändert hat und dass sie noch immer der Maxime "Selbstbehauptung durch Selbstbeschränkung" folgt. Ausdrücklich bescheinigt sie der seit 1998 in Berlin regierenden Politikergeneration, die Hitlers Schreckensherrschaft, den Zweiten Weltkrieg und die anschließende politische Entmündigung Deutschlands nicht mehr aus eigener persönlicher Anschauung kennt, sich der besonderen deutschen Verantwortung bewusst zu sein.

Ein Urteil, das auch im Lichte der Entwicklung nach dem 11. September, die die Autorin nicht mehr berücksichtigen konnte, Bestand haben dürfte. Auch wenn es nun ein erhebliches deutsches militärisches Engagement im Kampf gegen den internationalen Terrorismus gibt. So spannt sich denn in der deutschen Außenpolitik nach dem Krieg ein weiter Bogen von Konrad Adenauer, Jahrgang 1876, bis zu Gerhard Schröder, geboren 1944. So eindringlich und plausibel ist das bislang von niemandem beschrieben und auf den Begriff gebracht worden.

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