Politik : Selbstmorde aus Angst vor Pflegeheim Charité-Studie führt zu Debatte über Altenpflege

Stefan Jacobs

Berlin - Eine Studie über die Suizid-Motive von Senioren hat eine Debatte über den Umgang mit alten Menschen ausgelöst. Das rechtsmedizinische Institut der Berliner Charité hatte die Motive für 130 Selbstmorde von 65- bis 95-Jährigen untersucht. In den meisten Fällen hätten sich die Menschen aus Angst vor schlechter Behandlung in Pflegeheimen das Leben genommen, sagte Studienleiter Peter Klostermann dem Tagesspiegel. Aus Akten, Abschiedsbriefen und Gesprächen mit Angehörigen habe sich ergeben, dass zwei Drittel der Opfer „in einem professionell geführten Pflegeheim ein viel besseres Leben gehabt hätten“. Nur drei der 130 Betroffenen hätten sich im Krankenhaus oder Pflegeheim das Leben genommen. Klostermann folgert daraus „ein Imageproblem der Pflegeeinrichtungen. In vielen Fällen sind die Heime erwiesenermaßen besser als ihr Ruf“.

Im Jahr 2002 nahmen sich bundesweit rund 11000 Menschen das Leben. 3534 von ihnen waren mindestens 65 Jahre alt, was eine Häufung von Suiziden bei Senioren bedeutet. Studienleiter Klostermann sieht einen weiteren Grund in der verbreiteten Scheu vor dem Thema Altersdepression. Deren ärztliche Behandlung erfordere „Arbeit, Zeit und Überredung“, sagt der Soziologe. „Aber meist wird das Thema umschifft.“ So spiele die – oft durch Krankheiten begründete – Altersdepression zwar bei fast allen untersuchten Suiziden eine Rolle, „aber nur zwei der 130 Menschen waren in angemessener medizinischer Behandlung“. Aspekte wie Kinderlosigkeit und Altersarmut würden dagegen keine nennenswerte Rolle spielen. Vielmehr treibe die Angst vor altersbedingter Abhängigkeit die Menschen zum Freitod. „Es trifft vor allem gestandene Leute: die Apothekerin, den Feuerwehrmann, den Diplom-Ingenieur“, sagt Klostermann und fordert einen offensiveren Umgang mit allen Fragen der Seniorenbetreuung, um den Menschen die Angst vor der Abhängigkeit zu nehmen.

Die Ergebnisse der Untersuchung werden von einer Studie der R+V-Versicherung zu den Ängsten der Deutschen gestützt. Danach spielte die Angst vor Pflegebedürftigkeit im Alter bei den über 50-Jährigen eine Hauptrolle – nur einen Anstieg der Lebenshaltungskosten fürchteten die älteren Befragten noch mehr.

Als Reaktion auf die Studie der Charité forderte der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe eine bessere Behandlung von Altersdepressionen. Bayerns Sozialministerin Christa Stewens (CSU) sagte: „Selbsttötung aus Angst vor dem Pflegeheim ist ein Skandal“, und forderte Anstrengungen für eine hochwertige Pflege.

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