Senioren : Die Stimmen der Älteren zählen

Während die Parteien insgesamt Mitglieder verlieren, wachsen die Gruppierungen für Ältere. Deshalb rücken Seniorenthemen in den Blickpunkt.

Katharina Kühn
Wahlbeteiligung. 80 Prozent der 60- bis 69-Jährigen gingen zur letzten Bundestagswahl.
Wahlbeteiligung. 80 Prozent der 60- bis 69-Jährigen gingen zur letzten Bundestagswahl.Foto: AFP

Berlin - Es riecht nach frisch gebrühtem Kaffee, Kerzen brennen, die Tische sind akkurat gedeckt, der Raum ist mit dem murmelnden Geräusch angeregter Gespräche gefüllt: Beim Treffen der Senioren-Union Reinickendorf traut sich noch keiner an das Kuchenbüfett. Erst als der Kreisvorsitzende Hans-Peter Marten es offiziell eröffnet, werden Streuselkuchen und Obsttorte angeschnitten, wird die Schlagsahne geschüttelt und gesprüht.

In fünf Jahren konnte Marten die Mitgliederzahl des Vereins für Menschen mit konservativen Werten ab 60 Jahren verdoppeln, von 42 auf 80. „Das liegt am Programm, das ich mache“, ist der 67-Jährige sich sicher. Bevor er Kreisvorsitzender war, begnügten sich die Mitglieder mit Kaffeeklatsch und Theateraufführungen. Heute lädt er regelmäßig Referenten ein, „die Seniorenthemen berücksichtigen“.

Die Alten als Wähler: Schon 1953 waren sie überdurchschnittlich oft in der Wahlkabine, bei der Bundestagswahl 2009 machten 80 Prozent der 60- bis 69-Jährigen ihr Kreuzchen, von den 21- bis 25-Jährigen konnten sich nur 59,1 Prozent aufraffen. Kurz vor dieser Wahl erhöhte die große Koalition die Rentenbeiträge – um mehr Stimmen zu gewinnen?

Jetzt sind die nächsten Bundestagswahlen noch so weit weg, dass ein Vorstoß gegen die 20 Millionen Rentner leichter fällt: Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) traut sich, die 2009 eingeführte Rentengarantie abzuschaffen. Dies sei nötig, um „in die normalen Bahnen der sozialen Marktwirtschaft“ zurückzukehren. Von Wirtschaftswissenschaftlern kommt Beifall, aus den anderen Parteien Groll. Hans-Peter Marten versteht Brüderle nicht: „Wer der Meinung ist, die Rentensysteme bewährten sich nicht mehr, der sollte über andere Formen nachdenken. In Dänemark und Schweden etwa werden die Renten unter anderem über die Mehrwertsteuer finanziert.“ In 45 Berufsjahren habe er ständige Erhöhungen bei den Renteneinzahlungen erlebt, da sei die mögliche Kürzung seiner Rente bitter. „Ich glaube nicht, dass die 20 Millionen Rentner dafür sind, aber vielleicht will Brüderle ja nicht wiedergewählt werden“, sagt Marten.

Dabei macht eine Rentenerhöhung noch keinen Parteianhänger, sagt Achim Goerres. Er ist in der Universität Köln am Lehrstuhl für Empirische Sozial- und Wirtschaftsforschung tätig. In seinem Buch „Political participation of older people“ beschreibt er, dass Menschen über 60 ihre Wahlentscheidung vielmehr von Einstellungen in ihrer Jugend abhängig machen als von kurzfristigen Tendenzen: „Menschen treten eher in der ersten Hälfte ihres Lebens in eine Partei ein.“

Der erste Wahlgang sei oft ein prägendes Ereignis, das den Grundstein für die politische Ausrichtung lege: „Die Wähler, die heute über 65 Jahre alt sind, haben unter Adenauer eine stabile Regierungszeit unter Führung der CDU/CSU erlebt, das hat sie nachhaltig geprägt.“ Die CDU hätte es in dieser Zeit geschafft, eine ganze Generation, die zwischen 1914 und 1945 geboren wurde und dann zum ersten Mal frei wählen konnte, mit der politischen Stabilität und dem Wirtschaftswunder langfristig an sich zu binden. Spätere Generationen waren von der Nachwendepolitik Brandts beeindruckt und wurden zu Stammwählern der SPD. Die Zahl der Stammwähler nehme jedoch stetig ab.

Auch die langfristige Einschätzung der Parteiprogramme und die veränderte Prioritätensetzung im Alter prägen Wahlentscheidungen: Wer Rente bekommt, wer Enkelkinder hat, wem mehr Freizeit zur Verfügung steht, der hat andere Interessen als ein Student mit zwei Nebenjobs. Gemeinsame Interessen, die einer einzigen Partei zuzuordnen wären, ergibt das aber noch nicht. Während für die Mitglieder der Senioren-Union der Kreisvorsitzende ihre Anliegen in Sozial- und Gesundheitsausschüssen einbringt, in denen er als Bezirksverordneter sitzt, diskutieren die Grünen Alten, im Schnitt 65 Jahre alt, im Internet-Netzwerk Facebook online mit der Grünen Jugend. „Es hat uns sehr gefreut, dass die Grüne Jugend so ein großes Interesse am Austausch mit uns hatte“, erinnert sich Ingrid Borretty von den Grünen Alten an die ersten Annäherungsversuche. Der Austausch sei wichtig, um gegenseitige Beschuldigungen vom Tisch zu bringen: Der Generationenkonflikt bestehe nicht, das haben die Jungen und Alten für sich festgemacht.

Auch mit der Bundestagsfraktion hält Borretty engen Kontakt, nicht nur in klassischen Altersfragen – auch Verbraucherschutz sei ein wichtiges Thema.

Die Seniorengruppen seien die am stärksten wachsenden Untergruppierungen der Parteien, sagt Goerres. Mit der ersten Rente beginnt aber kaum jemand, sich plötzlich in einer Partei zu engagieren oder für mehr Klimaschutz zu demonstrieren. Vielmehr werden schon vorhandene Interessen im Ruhestand stärker verfolgt: „Wer vorher zweimal in der Woche zum Chor gegangen ist, singt dann drei- oder viermal pro Woche“, sagt Goerres.

Aktionen wie Petitionen oder Demonstrationen sind für die älteren Bürger noch nicht so selbstverständlich wie für jüngere – früher war es nicht so üblich und angesehen, die politische Elite öffentlich zu kritisieren.

Heute ist, wer in Rente geht, nicht mehr so erschöpft wir früher, beschreibt Hans-Peter Marten die aktive Haltung heutiger Senioren; die Generation zwischen 60 und 80 stehe deshalb noch sehr aktiv im öffentlichen Leben. Es habe sich praktisch eine neue Generation abgespalten – „die jungen Alten“ nennt Marten sie. Deren Selbstbewusstsein ensteht auch aus mehr Lebenszeit und Gesundheit.

Trotzdem sieht Borretty Rentner nicht als homogene Zielgruppe. Schon im Namen möchten die Grünen im Gegensatz zur „AG 60 plus“ der SPD, der Senioren-Union oder der Linken Arbeitsgemeinschaft klar zeigen: Wir sind alt. „Für viele ist das Alter leider ein Schimpfwort“, bedauert Borretty, Jahrgang 1951. Dabei seien Erfahrungen und Lebensweisheit, die jungen Menschen noch fehlen, positiv. Und bei ihren Debatten gehe es genauso hitzig zu wie bei den Jüngeren. Kaffee und Kuchen findet sie dabei fehl am Platze: „Wer Kaffee trinkt, darf sich Senior nennen.“

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