Politik : Separatismus: Moskau und das Pulverfass Kaukasus

Elke Windisch

Die Kaukasier in Moskau sprechen stets von Russland und Moskau so, als sei damit eine fremde Macht gemeint. Aus gutem Grund: Noch Ende des XVI. Jahrhunderts verlief die Südgrenze Russlands am linken Terek-Ufer. In den Bergen auf der anderen Seite lebten rund 200 autochthone Völker, die Vasallen der Georgier waren, zu Iran und der Türkei gehörten. In einem dreihundert Jahre währenden Kolonialkrieg, bei dem es nicht weniger blutig zuging als bei Briten und Franzosen in Afrika, unterwarf Russland den Kaukasus. Eine islamisch geprägte Befreiungsbewegung unter dem dagestanischen Imam Schamil stellte im XIX. Jahrhundert die Unabhängigkeit des Nordostkaukasus zeitweilig wieder her. Zar Alexander II. sah sich nach der erneuten Unterwerfung gezwungen, den Kaukasiern innere Autonomie zu gewähren. 1917 gründeten die Völker des Nordkaukasus eine von Russland unabhängige Bergrepublik, die 1920 von den Sowjets liquidiert wurde.

Als sich Mitte der Achtziger das Ende der Union abzeichnete, erlebten die Separationsbestrebungen einen neuen Höhepunkt. 1989 gründete sich die "Konföderation der Bergvölker", die sich 1992 in "Nordkaukasische Konföderation" umbenannte. Ihr Ziel: ein von Russland unabhängiger säkularer Staatenbund vom Kaspischen bis zum Schwarzen Meer. Das Projekt kam nie auf die Füße, weil die Tschetschenen, die sich 1991 von Moskau gelöst hatten, die Führungsrolle beanspruchten. Neuen Zündstoff lieferte der im ersten Tschetschenienkrieg von der arabischen Halbinsel importierte radikale Islam, der den Kaukasusvölkern bislang fremd war. Akute Sezessionsbestrebungen gibt es momentan in Tschetschenien und bedingt in Dagestan und der Republik Ädygeja. Potenzielle weitere Krisenherde sind Karatschai-Tscherkessien und Kabardino-Balkarien, wo Stalin Völker unterschiedlicher Herkunft zusammensperrte. Putins "straffe Machtvertikale", mit der die Präsidenten der 20 nationalen Teilrepubliken entmachtet wurden, könnte zu einem neuen Aufschwung der Unabhängigkeitsbewegung führen.

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