Sepp Blatter und die Fifa-Präsidentenwahl : Und seine Bühne bröckelt

Er ist das Gesicht des internationalen Fußballs. Joseph Blatter regiert seit 17 Jahren den Weltverband Fifa. Trotz aller Macht konnte er nie glaubhaft machen, er sei der Gute. Viele fragen sich: Was macht den Mann so erfolgreich?

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Joseph Blatter, Präsident der Fifa.
Joseph Blatter, Präsident der Fifa.Foto: AFP

Bübisch spitzt er den Mund. Fast lächelt Joseph Blatter, genannt Sepp. Mit 79 Jahren hat sich der mächtigste Mann des Weltfußballs eine kindliche Vorfreude bewahrt auf den großen Auftritt. Bis jetzt war er in der Defensive, ließ, mit Übersetzer im Ohr und verschränkten Armen, Fragen aus dem schummrigen Auditorium über sich ergehen wie vor einem Tribunal. Die Liste der Vorwürfe ist lang gegen seinen Weltverband Fifa: Korruption, schmutzige Geschäfte, Ausbeutung.

Doch jetzt hat ein Reporter gefragt, warum er noch einmal antritt und das ohne Wahlkampf. Jetzt kommt Blatters Auftritt, die Augen werden groß. „Tzänk ju pfor se Quästschen“, sein Akzent aus dem Wallis schlägt in allen Fremdsprachen durch, härter noch als alle übrigen Schweizer Dialekte, „ei äm se Fiffa-Pressidentt“, stellt er klar. Und das bis zum Tag der Wahl am 29. Mai. Eine Kampagne sei nicht nötig. „Ich bin aus allen sechs Kontinenten gebeten worden, zu kandidieren. Mein Wahlprogramm sind 40 Jahre Arbeit in der Fifa, 17 davon als Präsident.“ Blatter lächelt nun und lehnt sich zurück.

Die Siegesgewissheit nimmt er kurz darauf mit, in die Gänge der Fifa-Zentrale in Zürich, die Korridore abgegittert, keine Nachfragen. Doch bleiben Fragen: Woher kommt die Macht dieses Mannes? Warum läuft wieder alles auf seinen Triumph hinaus, wenn sich die Fifa-Delegierten am kommenden Freitag zur Wahl treffen? Warum gelten alle Gegenkandidaten als chancenlos? Was hat Blatter in 40 Jahren mit dem Fußball gemacht und was fehlt noch, warum macht er immer weiter?

Der Alpenkanton Wallis ist der Schlüssel, um diesen Mann zu verstehen

Die Spurensuche Ende März, bei den letzten Komiteesitzungen vor der Wahl, führt in Zürich nicht weit. Die Fifa-Zentrale ist ein grauer Klotz, eingelassen in den Zürichberg hoch über der Stadt, der größte Teil unterirdisch. Blatter taucht dort immer wieder unvermittelt auf, ein Hinterkopf, der frühmorgens oder spätabends in Büroräumen verschwindet. Ein Geist, der hinterherhechelnden Reportern tänzelnd ausweicht, so wie er jeden Morgen das Radio anschaltet und dazu tanzt, als Frühsport. Auch der Tagesspiegel erhält auf Interviewanfragen nie eine Absage, aber auch nie eine Zusage. Blatters Wohnung liegt nur wenige Gehminuten entfernt, zur Fifa fährt er in abgedunkelten Limousinen durch die Tiefgarage ein. Angeblich hat Blatter noch ein Anwesen am Zürichsee, unter falschem Namen an der Goldküste, wie es hier heißt, aber das weiß keiner so genau.

Er, der große Empfänge bei Staats- und Regierungschefs liebt, tritt im öffentlichen Leben in Zürich kaum auf. Die größte natürliche Ressource der Schweiz ist die Diskretion, das schätzen die großen Sportverbände der Welt, die hier fast alle sitzen. Doch auch in Zürich haben die dauernden Skandale der Beliebtheit geschadet, sagen Einwohner. Blatter schätzt am meisten das Wallis, seine Heimat, sein Rückzugsort.

Das Kanton in den Alpen sei der Schlüssel, um Blatter zu verstehen, sagen Vertraute. Zu drei Seiten eingepfercht zwischen Bergen, deutsch- und französischsprachig, in Italien hineinragend, hat sich hier eine eigene Mentalität entwickelt, die seine Einwohner bis heute prägt. Sizilien der Schweiz, nennen es andere Kantone.

An jedem freien Wochenende fährt Blatter die zwei Stunden von Zürich hinunter nach Visp, mit dem Zug durch die Tunnel, die seine Heimatgemeinde mittlerweile mit der Außenwelt verbinden.

Wolken verhängen das Tal. Am Visper Bahnhof wartet Niklaus Furger. „Hier ist er einfach nur der Sepp“, sagt der Gemeindepräsident, so etwas wie ein Burgermeister, wie es hier heißt. Blatter kennt er seit kleinauf, Furger ist durch sein Amt automatisch Vorsitzender der Sepp-Blatter-Stiftung.

Den Weg hinauf in die Altstadt beschreitet auch der Fifa-Präsident oft, ohne Bodyguards, die Leute grüßend, auch mal einen Wein mit ihnen trinkend, berichtet Furger. Er kehrt dann ein im Napoleon – kleiner Mann, große Macht, der Name passt. Die Gaststätte gehört Blatters Schwiegersohn. Drinnen sitzt Corinne Blatter Andenmatten, seine einzige Tochter, aus der ersten von drei Ehen.

Früher hat sie ihren Vater im ersten Wahlkampf 1998 unterstützt, heute betreibt sie eine Sprachschule im Ort und wollte ursprünglich nicht reden. Doch sie hat mit Blatter Rücksprache gehalten, wie Furger, und sitzt nun mit am Tisch. Eine kleine Person, ihre traurigen blauen Augen blicken oft zögerlich bei Nachfragen, aber auf Vater und Heimat lässt sie nichts kommen. „Er ist dem Wallis sehr verbunden, die Leute hier grüßen sich, halten zusammen und helfen einander, das hat er von hier mitgenommen“, sagt sie. „Er will wirklich jedem helfen. Was er gar nicht verträgt, ist Ungerechtigkeit. Deshalb möchte er ja allen etwas geben, vor allem den Armen.“

Er liebt die große Bühne

Es ist ein völlig anderer Blick auf Joseph Blatter. Blatters Funktionärskarriere, die 1964 in Visp begann, halbtags beim Schweizer Eishockey- Verband, nahm ein Jahrzehnt später Fahrt auf, als er zur Fifa kam. Zuständig für Entwicklungsprogramme, erreichte er einen Einfluss wie kein Generalsekretär vor oder nach ihm. Aus seiner Sicht half er den Armen auf die Beine. Aus Sicht seiner Kritiker sicherte er sich mit den Fördergeldern eine Gefolgschaft in Afrika, Asien, Süd- und Mittelamerika, die ihm 1998 zum überraschenden Wahlsieg gegen die Europäer verhalf. Aber auch die begehrten kaum auf, Blatter gab ja allen etwas. Im Prinzip ist die Fifa-Welt wie das Wallis. Man grüßt sich, hält zusammen und hilft einander.

Stammgäste betreten das Napoleon, Blatter Andenmatten und Furger grüßen, „Salüüttt!“, im harten Dialekt, den auch Blatter nicht los wird und den andere Schweizer schwer verstehen. In Visp erzählen sie sich noch Wunderdinge vom Sepp: Frühgeburt 1936, in ärmlichen Verhältnissen, schnellster Läufer im Ort, Mittelstürmer, mehrsprachig, Conférencier in Hotels, Auftritte auf Schützenfesten und Hochzeiten; alles Proben für die Auftritte auf großer Bühne, die er so liebt.

Nur das mit der Korruption will man hier nicht glauben. „Ich begreife nicht, warum sich die Leute so auf ihn einschießen“, sagt Blatter Andenmatten. „Da wird einfach geschrieben und geschrieben, obwohl die Presse nicht alle Fakten hat.“ Dann muss sie los, zum Boccia-Turnier.

Burgermeister Furger führt weiter durch den Ort, zeigt am Marktplatz das bescheidene grüne Haus, in dem Joseph Blatter eine Wohnung hält. Den Friedhof, auf dem seine Eltern begraben liegen und auch er seine letzte Ruhe finden will. Blatter steht auf vielen Grabsteinen, die Familie ist alteingesessen. Auf die Frage nach dem Vermögen der Blatter-Stiftung sagt Furger, da müsse er erst den Sepp fragen, ob er das sagen dürfe. Im Internet steht: eine Million Franken. Spendet Ehrenburger Blatter neben Vereinen und sozialen Projekten auch dem Ort? Kleinere Beträge hängt man hier nicht an die große Glocke, sagt Furger ausweichend.

Ist das etwa Bestechung?

Joseph Blatter hat einmal gesagt: „Wenn Wahlen sind in Visp, ein Kandidat kommt ins Restaurant und sagt: ,Patron, eine Saalrunde!‘ Ist das Bestechung? Nein. Im Sport ist das Gleiche dann sofort Korruption.“ Es ist eine feine Grenze zwischen Freunden helfen Freunden und geschuldeten Gefälligkeiten. Blatter tanzt seit 40 Jahren virtuos auf dieser Linie. Ihm selbst wurde nie nachgewiesen, dass er Schmiergeld genommen hätte. Aber er weiß es von anderen. Das gibt ihm Macht über sie.

Furger führt in sein Büro, in dem Fifa-Wimpel und Medaillen mit Widmung vom Sepp hängen. Dem Reporter überreicht er einen Doppelband Lokalgeschichte, „Visper Geist“. Und eine edle Flasche Wein und ein Schweizer Taschenmesser, doch, er bestehe darauf. „Hier ist das üblich, dass Gäste Geschenke bekommen. Ich selbst erhalte am Jahresende auch welche von unseren Sponsoren.“

Dann geht die Tour weiter, mit schwerer Geschenketasche. In der Fifa gibt es Richtlinien gegen die Geschenkekultur, gegen die kleinen Aufmerksamkeiten für Funktionäre, doch sie werden kaum umgesetzt. Geschenke und Gegengeschäfte wandern weit häufiger umher als die ominösen Umschläge voller Geld. Blatter tritt in seinem Spätwerk nun als Reformator auf, aber hat das System nie wirklich verändert. Er hat es ja mit erschaffen, es hält ihn an der Macht. Blatter entstammt einer anderen Generation, der ersten von hauptberuflichen Sportfunktionären. Es war die Zeit, als dieses Ehrenamt erst zum Beruf wurde, durch die ersten großen Fernseh- und Sponsorenverträge ab den 70er Jahren. Patrone wie Dassler, Samaranch und Havelange wussten aus Geld und Macht starke Seilschaften zu schnüren. „Wir regeln die Dinge in der Familie“, betont ihr Lehrling Blatter oft. Und je größer die Kritik von außen, desto enger schart er die Angehörigen.

Sie sind wehrhaft, die Walliser. Als Franzosen im 14. Jahrhundert das Tal angriffen, ließen die Visper den Ort zufrieren, die Invasoren ausrutschen und zerschmetterten sie mit Steinblöcken, erzählt Furger.

Dann zeigt er das Schulhaus mit dem Schriftzug „Sepp Blatter“ am Hintereingang, das winzig wirkt vor der Bergkulisse. Trotzdem war diese Ehrung umstritten. Eine Petition forderte die Umbenennung. Es waren Fans, die über eine Fifa-Strafe gegen ihren Klub wütend waren, sagt Furger. Sie hätten es Blatter persönlich übel genommen. Sein Gesicht ist das Gesicht der Fifa. Und es bekommt Schrammen. Bei Blatters erster Wahl 1998 gab es eine Parade in Visp, ein Sepp-Blatter-Marsch wurde komponiert. Nach der dritten Wiederwahl 2011 gab es Protestplakate, als Blatter durch den Ort zog. Der Rückzugsraum wird kleiner, auch im Wallis.

"Fußball kann Frieden bringen"

Dabei veranstaltet Blatter jährlich ein Fußballturnier in der Nähe und ließ zum 100-jährigen Jubiläum des FC Visp den früheren Weltfußballer Ronaldo mit dem Helikopter einfliegen.

Furger fährt zum Fußballplatz und zeigt das neue Vereinsheim des FC Visp, das die Gemeinde für vier Millionen Franken gebaut hat. Für einen Amateurklub, der meist nur vor 150 Zuschauern spielt. Doch Blatter hat hier früher gekickt und schaut hin und wieder vorbei. Noch sind kaum Leute da, die zweite Mannschaft schwitzt im einsetzenden Nieselregen. Vereinssprecher Norbert Eder sitzt unter dem Vordach, zeigt alte Spielerfotos von Blatter und schwärmt vom Sepp. Der Spielertrainer kommt dampfend vom Platz und schnappt das Gespräch am Vordach auf. „Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass die ganzen Vorwürfe reine Erfindungen sind“, sagt er. „Aber wie heißt es: Blatter ist nie zu kriegen, wie ein Aal.“

Der Klubsprecher klopft hektisch auf den Tisch, sofort aufhören.

Sein Ruf in der Region ist Blatter wichtig. Wenn Lokalzeitungen etwas Schlechtes über ihn schreiben, kommen böse Anrufe aus der mächtigen Fifa-Zentrale.

Im Grunde will Sepp Blatter wohl nur, was sich die meisten Menschen wünschen: sich wichtig fühlen, geliebt und bewundert werden. Nur will er das von der ganzen Welt. Und wenn er die Liebe kaufen muss.

Im Züricher Auditorium hatte Blatter wieder gepredigt. „Fußball kann Frieden bringen“, sagte er mit ausgebreiteten Armen, wie ein Prophet. Im Nahen Osten, in Osteuropa, überall. Dann griffen seine Hände ineinander. Doch waren sie leer. Warum nur glaubt keiner seine Botschaft?

Trotz aller Macht konnte Blatter nie glaubhaft machen, er sei der Gute. Also macht er einfach weiter, wenn die Liebe von außen fehlt. „Er hat nichts außer der Fifa“, sagt ein hoher Verbandsfunktionär. „Er hat einfach noch keinen Nachfolger gefunden“, sagt seine Tochter Corinne, die hofft, dass er zur Familie heimkehrt. Doch dass sich Blatter, solange er gesund bleibt, freiwillig aus dem Amt zurückzieht, glaubt niemand. Wohin auch? Das Wallis war nie eine große Bühne für ihn, selbst die kleine bröckelt.

Der Weg zurück zum Bahnhof zeigt: Die Jüngeren in Visp verehren Blatter schon nicht mehr wie die Alten. Die Bäckerin hat ihn einmal gesehen, von Weitem, im Café kennen ihn viele nicht. Nur eine alte Dame sagt: „Es würde mich schon enttäuschen, wenn all die Vorwürfe stimmen. Er ist doch so offen, wie wir Walliser.“ Dann freut sie sich sehr, über eine Geschenktüte mit edlem Rotwein und Schweizer Taschenmesser.

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