Politik : Serben beschießen Flüchtlinge/ NATO lehnt Oster-Feuerpause ab

BRÜSSEL/BONN (Tsp).NATO-Generalsekretär Solana hat Oberbefehlshaber Clark beauftragt, die Angriffe auf Jugoslawien über Ostern zu intensivieren und das Tempo zu beschleunigen.Der Sprecher des Bündnisses, Shea, sagte am Mittwoch, damit wolle die Allianz den Nutzen der Luftoperation maximieren.Auf der

Liste möglicher Ziele sollen nun auch Regierungsgebäude stehen.Zur gescheiterten Vermittlungsmission des russischen Ministerpräsidenten Primakow sagte Shea, das Friedensangebot des jugoslawischen Präsidenten Milosevic sei völlig unzureichend.



Außenminister Fischer sagte in Bonn, er sehe kaum Chancen für eine Unterbrechung der Luftangriffe an den Osterfeiertagen.Es sei nicht hinnehmbar, daß die Christen das Osterfest feierten, während Moslems niedergemetzelt und vertrieben würden.Verteidigungsminister Scharping berichtete, die serbische Armee, paramilitärische Einheiten und Sonderpolizei gingen bei der Räumung der Dörfer systematisch, "mit deutlich ausgeprägter Brutalität und ungeheurem Maß an Grausamkeit" vor.Zunehmend gebe es auch Anzeichen dafür, daß Serben in die "gesäuberten Dörfer" einzögen.

Shea berichtete, daß das jugoslawische Militär damit begonnen habe, die Melderegister in der serbischen Provinz zu zerstören.Systematisch würden Geburtsurkunden und amtliche Statistiken vernichtet, um das Volk der Kosovo-Albaner ihrer Geschichte und Identität zu berauben.Er erinnerte daran, daß neben den Menschen, die in die Nachbarländer Albanien und Mazedonien sowie die jugoslawische Republik Montenegro flüchteten, Zehntausende innerhalb der Provinz heimatlos umherirrten.Sie versteckten sich in Wäldern und an Berghängen und seien ohne Lebensmittel, Wasser oder Unterschlupf.

Laut NATO sind im Pagarusa-Tal südwestlich von Pristina eine große Zahl Flüchtlinge und einige Kämpfer der Kosovo-Befreiungsarmee (UCK) eingeschlossen.Drei Brigaden Regierungstruppen nähmen sie mit Artillerie unter Feuer.Nach Angaben von Diplomaten sollen dort 50 000 Flüchtlinge Schutz suchen.

Aus Brüssel verlautete, daß jetzt auch Regierungsgebäude zu den möglichen Zielen der NATO gehören sollen.In Belgrad galt fast den ganzen Tag über Luftalarm, Raketeneinschläge wurden gemeldet.Nach einem Bericht der jugoslawischen Agentur Tanjug schlugen Raketen in militärisch-industriellen Zielen bei Avala und Pancevo sowie südöstlich von Pristina ein.Vier eingesetzte ECR-Tornados der Bundeswehr kehrten laut Bonner Verteidigungsministerium sicher nach Piacenza zurück.

NATO-Oberbefehlshaber General Clark sagte im US-Sender ABC, daß mit der Ausweitung der Ziele ein erhöhtes Risiko für Zivilisten bestehe.Die dritte Phase der Operation, die Angriffe im ganzen Land vorsieht, sei aber noch nicht eröffnet worden.Bisher hatte die NATO ihre Angriffe vorwiegend gegen Flughäfen, Luftabwehrstellungen, Rüstungsfabriken und militärische Einrichtungen wie etwa Kasernen gerichtet.Dabei wurden auch Ziele in den Randgebieten Belgrads und in der Kosovo-Hauptstadt Pristina bombardiert.

Am Vortag war ein Vermittlungsversuch des russischen Ministerpräsidenten Primakow erfolglos geblieben.Ein von Milosevic bei dem Treffen in Belgrad unterbreiteter Vorschlag zur Lösung des Konflikts war von der NATO als unzureichend abgelehnt worden.Primakow sagte am Mittwoch, er sei nicht entmutigt.Die Suche nach einer politischen Lösung müsse weitergehen.Rußlands Präsident Jelzin wies Primakow an, seine Bemühungen um ein Ende der NATO-Angriffe auf Jugoslawien fortzusetzen.Verteidigungsminister Sergejew teilte mit, Rußland wolle zu Aufklärungszwecken ein Kriegsschiff ins Mittelmeer entsenden.

US-Präsident Clinton warf Jugoslawien erstmals Völkermord vor.Das Vorgehen gegen die Kosovo-Albaner gefährde auch die internationale Unterstützung des serbischen Anspruchs auf die Provinz Kosovo.

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