Politik : Serben werfen Angeklagten Terrorismus vor

Stephan Israel

Menschenrechtsorganisationen sprechen von Schauprozess - Schweigeminute für inhaftierte AngehörigeStephan Israel

In der südserbischen Stadt Nis hat am Dienstag ein Massenprozess gegen 146 Kosovo-Albaner wegen Beteiligung an "terroristischen Aktivitäten" begonnen. Nach Ansicht von Beobachtern handelt es sich jedoch um Zivilisten, die von den serbischen Behörden verschleppt worden sind. In der Stadt Djakovica im Westen des Kosovo wurde fast zeitgleich eine Schweigeminute für die inhaftierten Angehörigen abgehalten.

Die serbischen Justizbehörden werfen den Angeklagten vor, Mitglieder der "Kosovo-Befreiungsarmee" (UCK) gewesen zu sein. Konkret sollen sie während der Nato-Luftangriffe im April und Mai 1999 in der Region von Djakovica an drei Anschlägen gegen serbische Truppen beteiligt gewesen sein. Nach serbischen Angaben wurden damals ein Polizeioffizier und ein Soldat getötet sowie zahlreiche weitere verletzt. Den Angeklagten drohen Strafen von bis zu 15 Jahren.

Die Angeklagten bestreiten die Vorwürfe. Sie werden von Anwälten des Belgrader Zentrums für Menschenrechte verteidigt. Dessen Leiterin Natasa Kandic sagt, dass die Meisten der Angeklagten nach einer Schießerei zwischen serbischer Polizei und UCK in ihren Häusern festgenommen, aus Flüchtlingskolonnen herausgeholt oder willkürlich auf der Strasse verhaftet worden seien.

Die serbischen Behörden haben sie bei ihrem Abzug aus dem Kosovo im vergangenen Juni mitgenommen. Sie gehören zu einer Gruppe von 2000 Kosovo-Albanern, die damals verschleppt worden sind. Die meisten sind über Monate ohne Verfahren festgehalten worden. Die Frage der politischen Gefangenen war bei den Verhandlungen über den Abzug der serbischen Behörden "vergessen" worden. Das Belgrader Regime hat die inhaftierten Kosovo-Albaner sozusagen als Faustpfand mitgenommen. Die Verfahren in Form von Schauprozessen dienen Propagandazwecken. Zugleich ist das Schicksal der Inhaftierten ein Grund, warum eine Versöhnung im Kosovo nicht zustande kommt.

Natasa Kandic sieht für den Prozess noch einen weiteren Hintergrund. In Djakovica war der Anteil Opfer unter der Zivilbevölkerung besonders gross. 545 Albaner sind dort während der Nato-Luftangriffe von serbischen Einheiten getötet worden. 1200 weitere Einwohner der Kleinstadt wurden verhaftet oder gelten als vermisst. Die Behörden könnten den Schauprozess nutzen, um die damalige Bedrohung für die serbischen Truppen zu betonen und so die Gegengewalt zu rechtfertigen.

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