Politik : Serbien-Krise: Gefährliche Risse in der bosnischen Föderation

Claudia Lepping

Der Satz kommt einer Bankrotterklärung gleich, und als eben solche Provokation war er an die internationale Gemeinschaft gerichtet: "Von heute an ist die bosnisch-kroatische Föderation ein bosnisches Gebilde ohne Kroaten", hatte Ante Jelavic, seines Zeichens Vorsitzender der ultranationalen bosnisch-kroatischen Demokratischen Gemeinschaft (HDZ), am Mittwochabend während einer Parteiveranstaltung im bosnischen Busovaca getönt.

Sollte die bosnische Nationalversammlung an diesem Samstag nun tatsächlich entscheiden, das Zusammenleben mit den Moslems aufzukündigen und einen kroatischen Staat innerhalb Bosniens zu gründen, wäre das Vorzeigeprojekt Bosnien gefährdet. Denn unter der Regie der internationalen Gemeinschaft und auf Grundlage des Bosnien-Friedensvertrages von Dayton/Ohio von 1995 soll in Bosnien ein multi-ethnisches Staatsgebilde entstehen, das den verfeindeten Volksgruppen der Moslems, Serben und Kroaten nach dem Krieg, der von 1992 bis 1995 dauerte, eine friedliche Zukunft ermögliche. Das Land besteht seitdem aus der kroatisch-moslemischen Föderation und der serbischen Teilrepublik "Republika Srpska", verfügt aber über gemeinsame bundesstaatliche Institutionen. Seit 1996 begleiten rund 30 000 Sfor-Soldaten aus mehr als 30 Nationen und etwa 40 000 Mitarbeiter internationaler Organisationen den Friedensprozess auf dem Balkan. Letztlich aber ist ihre Mission ein Protektorat.

Mitarbeiter des internationalen Bosnienbeauftragten Wolfgang Petritsch waren indessen bemüht, die Äußerungen von Jelavic herunterzuspielen. "Der lässt jetzt die Muskeln spielen, weil das UN-Tribunal in Den Haag zuvor zwei hochkarätige bosnische Kroaten als Kriegsverbrecher verurteilt hat", hieß es. Auch von serbischer Seite habe es in den letzten Jahren immer wieder Störmanöver gegeben, als Serben für Gräueltaten im Krieg abgestraft wurden. Die bosnischen Serben allerdings haben die multi-ethnische Bundesregierung Bosniens von Beginn an nur pro forma akzeptiert; tatsächlich streben die Hardliner die Teilung des Landes und den Anschluss an Serbien an.

Kroatiens Präsident Stipe Mesic wollte ähnlichen separatistischen Bestrebungen seit seiner Wahl im Dezember 1999 einen Riegel vorschieben. Er unterstützt ausdrücklich die Eigenstaatlichkeit Bosniens und rief die bosnischen Kroaten zur Kooperation mit der internationalen Gemeinschaft auf. Den letzten Trumpf hat trotz aller Irritation der Österreicher Wolfgang Petritsch in der Hand. Seit 1997 darf der internationale Bosnienverwalter jene heimischen Politiker ihrer Ämter entheben, die den Dayton-Prozess blockieren. Auf diese Weise stellte er bereits serbische, aber auch moslemische und kroatische Lokalfürsten politisch kalt. Die hatten sich zumeist gegen die Flüchtlingsrückkehr von so genannten ethnischen Minderheiten gesperrt, um ihre im Krieg gewonnenen Gebiete "ethnisch rein" zu halten. Mit der Rückendeckung von Petritsch übernahmen nun auch gemäßigte Politiker der "Allianz für den Wandel" die den Kroaten zustehenden Präsidentenämter der Föderation.

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