Serbien : Ratko Mladic: Der Mördergeneral

Ratko Mladic war einer der gefährlichsten Männer an der Seite des von Großserbien träumenden Slobodan Milosevic. Eiskalt, brutal, verantwortlich für das Massaker von Srebrenica. Bis zu seiner Verhaftung sollte es 16 lange Jahre dauern.

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27. Mai 2011: Die Zeitungen in Belgrad haben nur noch ein Thema - die Verhaftung des serbischen Generals Ratko Mladic.Weitere Bilder anzeigen
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27.05.2011 10:1927. Mai 2011: Die Zeitungen in Belgrad haben nur noch ein Thema - die Verhaftung des serbischen Generals Ratko Mladic.

Von Jahr zu Jahr wurden es mehr Gerüchte. Der ehemalige General der bosnischen Serben sei schon gestorben, hieß es. Ratko Mladic müsse für tot erklärt werden, verlangte seine Familie, allen voran die auf Witwenrente hoffende Ehefrau. Nein, er sei noch da, doch sei er sterbenskrank, verbreiteten andere Eingeweihte. Unsinn, widersprachen Experten, er bewege sich nächtens munter und gesund von Quartier zu Quartier in den Bergen zwischen Montenegro und Serbien. Der mutmaßliche Massenmörder wohne, so raunte ein Militärattaché der Botschaft eines Nato-Staates vor einigen Jahren, längst als Farmer in Texas.

Mladic, das Phantom. Mladic, der Entronnene, ewig auf der Flucht, der Mann, um dessentwillen das Den Haager UN-Tribunal für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien (ICTY) seine Pforten weiter aufhält. Denn dieses internationale Strafgericht will seine letzten Fälle schon fast abgeschlossen haben. Zwei aus dem Trio der Meistgesuchten hatte man inzwischen erwischt: Slobodan Milosevic und Radovan Karadzic. Nur er fehlte, der Mördergeneral, angeklagt wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wegen Genozids, Komplizenschaft mit Genozid und Verfolgung im Bosnien der jugoslawischen Zerfallskriege, wo sich bosnisch-serbische Armee, Polizeieinheiten und Milizionäre der „ethnischen Säuberungen“ an abertausenden muslimischen Zivilisten schuldig gemacht hatten.

Am ICTY aber war man sich all die Jahre sicher: „Wir wissen genau, wo Mladic steckt.“ Und zwar auf serbischem Territorium. Eine hochrangige Mitarbeiterin sagte einst: „Wir wissen sogar, wann er aufsteht, wann er duscht.“ Eine Handhabe hatte das ICTY aber nicht. Serbiens Regierungen, eine nach der anderen, haben stets bestritten, zu wissen, wo Mladic sich aufhält. Der General gilt vielen im Volk bis heute als Held. Doch nun, da Präsident Boris Tadic am Donnerstagmittag die Festnahme eines der meistgesuchten Männer der Welt bekannt gab, sieht es ganz so aus, als habe man am ICTY recht gehabt. In Lazarevo, einem Örtchen in Serbiens nördlicher Provinz Vojvodina, soll er sich im Haus eines Verwandten versteckt gehalten haben. In einem unscheinbaren bäuerlichen Anwesen, dessen Eingangstor ganz rostig ist. An das Ortsschild klebte jemand am selben Tag einen Zettel: „Ratko – Held“ stand da drauf.

Geboren am 12. März 1942 in Kalinovik, Bosnien und Herzegowina, war der Berufsmilitär Ratko Mladic einer der gefährlichsten Leute an der Seite des von Großserbien träumenden Slobodan Milosevic. In den Kriegsjahren stieg er rasant auf, vom Kommandeur des 9. Korps der Jugoslawischen Volksarmee (JVA) im Juni 1991 zum stellvertretenden Oberkommandierenden der JVA im belagerten Sarajewo am 10. Mai 1992 und wenige Tage später zum alleinigen Befehlshaber der bosnisch-serbischen Armee. Dreiviertel des Landes hatten seine marodierenden Soldaten binnen kurzem erobert und damit „serbisiert“. Im Juni 1994 wurde Mladic in den Rang des Generals erhoben. Ende Juli 1995 hatte das Jugoslawien-Tribunal den General auf dem Radar: Die offizielle Anklage bestand seitdem.

Mit außergewöhnlichem Zynismus und pathologischer Gefühlskälte hatte der General seine „Säuberungstaten“ geplant und ausführen lassen. Bis ins Detail vorbereitet war vor allem seine grauenvollste Tat, die Auslöschung des eingekesselten Städtchens Srebrenica in Ostbosnien, wo im Sommer 1995 mehr als 8000 Jungen, Männer und Greise vor die Mündungen der „Säuberer“ getrieben wurden. Denen war es darum gegangen, sämtliche männlichen Einwohner zu töten, um das Fortbestehen der muslimisch geprägten Bevölkerungsgruppe für alle Zeiten zu verhindern. Von den Vereinten Nationen unter deren General Morillon zur „Schutzzone“ erklärt, hatte der kleine Bergort tausende Zivilisten aus dem Bürgerkriegsgebiet angezogen. Doch die UN erwiesen sich als unfähig, Schutz zu gewähren.

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