Politik : Serbiens Premier bei Attentat getötet

Djindjic in Belgrad von Heckenschützen erschossen / Fischer: Anschlag auf Demokratie und Stabilität in der Region

Gemma Pörzgen

Belgrad. Der serbische Ministerpräsident Zoran Djindjic ist am Mittwoch in Belgrad erschossen worden. Der 50-jährige Reformpolitiker erlag nach einer Notoperation seinen Verletzungen. Unbekannte Heckenschützen hatten den Premier vor dem serbischen Regierungsgebäude erschossen. Die Polizei nahm laut Augenzeugenberichten zwei Verdächtige fest. Die amtierende Republikpräsidentin Natasa Micic verhängte den Ausnahmezustand. Das Attentat löste weltweit große Bestürzung aus. Bundesaußenminister Joschka Fischer erklärte, das Verbrechen richte sich auch gegen Demokratie und Stabilität in der Region.

Bereits Ende Februar hatte ein Lastwagenfahrer versucht, das Fahrzeug Djindjics von der Straße zu drängen. Nach dem Attentat am Mittwoch kam die serbische Regierung zu einer Sondersitzung zusammen und ordnete eine dreitägige Staatstrauer an. Auch der oberste Verteidigungsrat trat in der serbischen Hauptstadt zusammen.

Augenzeugen berichteten, Djindjic sei vom früheren Sitz der Streitkräfte aus beschossen worden. Die Regierung beschuldigte Milorad Lukovic, einen militanten Anhänger des früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic, und weitere Unterwelt-Bosse, die Ermordung organisiert zu haben. „Ihr Ziel war die Verbreitung von Furcht und Chaos im Land“, hieß es in einer Erklärung vom Mittwochabend.

Der in Deutschland ausgebildete Djindjic war maßgeblich am Sturz Milosevics beteiligt und gehörte zu den Mitbegründern der Demokratischen Partei. Seit Januar 2001 war Djindjic serbischer Ministerpräsident und verfolgte eine westlich orientierte Reformpolitik, mit der er im Land auch auf Widerstand stieß. Djindjic hatte im Juni die Verantwortung für die Auslieferung Milosevics an das Haager UN-Tribunal übernommen.

Der abgelöste frühere jugoslawische Präsident Vojislav Kostunica, der in einen andauernden Machtkampf mit Djindjic verstrickt war, sprach von einer „schrecklichen Tat“. US-Präsident George W. Bush betonte, Djindjic werde „für seine Rolle, die Demokratie nach Serbien zu bringen und Slobodan Milosevic zur Verantwortung zu ziehen, in Erinnerung bleiben“. Zutiefst betroffen äußerte sich Bundeskanzler Gerhard Schröder. Mit Djindjic sei nicht nur ein Deutschland nahe stehender Politiker gestorben, sondern auch ein persönlicher Bekannter und Freund. Der frühere Bosnien-Beauftragte der Bundesregierung, Hans Koschnick, sagte dem Tagesspiegel: „Das Entscheidende war, dass er wirklich westeuropäisch orientiert war.“

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