Sexismus-Debatte : Der neue Brüderle

Die Sexismus-Debatte hat FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle schwer getroffen. Jetzt geht er auf Distanz. Dem Wahlkampf der Liberalen könnte das nutzen.

Peter Dausend
Geht auf Distanz: Rainer Brüderle.
Geht auf Distanz: Rainer Brüderle.Foto: dpa

In den Sitzungswochen des Bundestages gibt es mittwochs bei Rainer Brüderle immer Filterkaffee aus der Thermoskanne, Biovollkornschnittchen aus dem Naturkostladen und einen Handschlag aus der guten Kinderstube. Das heißt: es gab. Seit eine stern-Reporterin aufschrieb, wie Brüderle nachts an einer Hotelbar ihre Dirndltauglichkeit würdigte, müssen sich die mal 20, mal 30 Journalisten mit einem allgemeinen "Guten Morgen" begnügen. Kaffee und Schnittchen gibt’s weiterhin, Brüderles Erläuterungen zu Politik, Parlament und dem Leben auch. "Was ist mit dem Handschlag?", wollte ein Kollege beim jüngsten Treffen wissen. Brüderle lächelte leicht gequält: "Man muss auch mal Distanz halten."

Brüderle, den die Liberalen auf ihrem Parteitag an diesem Wochenende offiziell zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl im Herbst küren wollen, ist eigentlich ein Großmeister der Nähe. Kein anderer Politiker kann so unverkrampft fröhlich mit Leuten umgehen, so unverstellt volkstümlich sein wie der Mann aus dem pfälzischen Landau. Grüßen, knuddeln, scherzen, prost! Sein Image als Weingenießer und Weinköniginnen-Küsser, als Handschüttel- und Schulterklopf-Apparat hat der diplomierte Volkswirt so lange bedient, bis hinter all der Jovialität der Machtpolitiker komplett verschwinden konnte – und der Mensch gleich mit.

Alle kennen Brüderle, den netten Nuschler von nebenan, aber keiner weiß, was er denkt, was er von wem hält, wer er ist. Nähe – für Brüderle war das immer auch eine Maske.

Reaktionen auf Sexismus-Vorwürfe gegen Brüderle
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24.01.2013 17:26Die Stern-Redakteurin Laura Himmelreich beschuldigt Rainer Brüderle, seit Montag Spitzendkandidat der FDP, ihr zu nah gekommen zu...

Nun geht Brüderle auf Distanz, und hinter der Maske wird ein tief verunsicherter Mann sichtbar. Vor allem in den ersten Tagen der von der stern-Geschichte ausgelösten Sexismus-Debatte lief Brüderle wie seine eigene Hülle durch Berlin, bleich, kraftlos, in sich gekehrt. Vertraute erzählen, wie entsetzt er darüber gewesen sei, dass ihn eine – aus seiner Sicht – harmlose Bemerkung, eine, die kaum anders war als andere, plötzlich als Sexisten brandmarkte. Wie schockiert er war, als im Internet widerliche Karikaturen auftauchten, als die Shitstorm-Meute ihn mit Beschimpfungen hetzte, die man nicht zitieren möchte. Seine Frau, so viel sagt Brüderle selbst, sei die Hauptleidtragende all dessen.

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