Sexueller Missbrauch : Ein Anschluss unter dieser Nummer

Die Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs legt Zwischenbilanz vor. Rund 500 Betroffene haben sich bisher an sie gewandt.

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Berlin - Die Frau ist fast 60 Jahre alt, und sie schrieb, dass sie als Jugendliche mehrfach sexuell missbraucht wurde. Erst vom Stiefvater, dann von anderen Familienangehörigen. Und ihre Mutter griff nicht ein. Ihr ganzes Leben habe sie deshalb unter das Motto gestellt: „Ich möchte nie so werden wie meine Mutter.“ Dieser Brief hat Christine Bergmann am stärksten bewegt. Es ist eines von rund 500 Schreiben, welche die Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindermissbrauchs erhalten hat. Seit 9. April arbeitet ihre Geschäftsstelle, am Freitag zog die frühere Familienministerin eine Zwischenbilanz ihrer Arbeit.

„Viele Betroffene haben teilweise 50 Jahre geschwiegen“, sagte Bergmann. Die Hälfte aller Briefe und Mails – Bergmann: „Das ist kein repräsentatives Ergebnis“ – beziehen sich auf Vorfälle im Zusammenhang mit der katholischen Kirche, die andere Hälfte betrifft Sportvereine, Schulen, die evangelische Kirche. Es gibt aber auch Fälle, die wenige Jahre zurückliegen. Viele betreffen Misshandlungen, vor allem von Frauen.

Seit Freitag gibt es auch eine telefonische Anlaufstelle (0800-2255530, kostenlos, auch bei Anrufen vom Mobiltelefon). 65 Experten, Mediziner, Psychologen und Sozialarbeiter werden sich um die Anrufer kümmern. „Es ist alles anonym“, sagte Bergmann. „Wir wollen uns für jeden Anrufer Zeit nehmen.“ Allerdings biete die Anlaufstelle keine „Intensivberatung oder therapeutische Hilfe“. Stattdessen würden den Betroffenen entsprechende lokale oder regionale Anlaufstellen genannt. „Die Experten haben eine Art Ombudsfunktion“, sagte Jörg Fegert, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Ulm. Fegert begleitet die Beratungen wissenschaftlich, er erstellt Statistiken und wertet Daten aus. Schließlich gehört es zu Bergmanns Aufgaben, der Bundesregierung und dem „Runden Tisch zur Hilfe für Betroffene“ Empfehlungen zu geben.

Viele der Opfer fordern, die Gesellschaft solle den Missbrauch als Unrecht anerkennen. „Oft war es so, dass den Opfern Hilfe versagt wurde“, sagte Bergmann. Zudem verlangen die Opfer auch, dass Täter und Institutionen benannt werden. Institutionen wie die katholische Kirche zum Beispiel. Übereinstimmend auch die Forderung, die Verjährungsfristen für sexuellen Missbrauch zu verlängern. „Viele sagen, sie wollten lieber vor Gericht verlieren, als dass sie gar nicht rechtlich gegen die Täter vorgehen können“, sagte Bergmann.

Sollten sich nun Täter am Telefon melden, genießen sie allerdings wie alle anderen den Schutz der Anonymität. „Wir sind keine Ermittlungsbehörde“, sagte Fegert. Aber Opfer der Täter schildern ihr Leid teilweise in mehrseitigen Briefen. Oder in einer eher ungewöhnlichen Form: Zwei Betroffene hatten ihr Leid in Gedichtform aufgeschrieben.

www.beauftragte-missbrauch.de

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