Sexueller Missbrauch : Kein Platz am Runden Tisch

Die Opfer sexuellen Missbrauchs in DDR-Heimen fühlen sich noch immer von der Politik und deren Aufarbeitungsgremien ignoriert. Den Runden Tisch halten viele schon im Ansatz für verfehlt.

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Berlin - Es war ein bemerkenswerter Kursschwenk, den Mecklenburg-Vorpommerns Sozialministerin Manuela Schwesig (SPD) kürzlich vollzog: Am Runden Tisch gegen sexuellen Kindesmissbrauch müssten auch die Opfer selbst gehört werden, forderte sie im Tagesspiegel. Am 23. April hatte der Runde Tisch zum ersten Mal getagt, jetzt konstituierten sich drei Arbeitsgruppen, im September will man sich erneut in großer Runde zusammenfinden.

Schwesig, die auch stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende ist, hatte damit vor allem auf die empörte Kritik einer ostdeutschen Opfergruppe reagiert: der ehemaligen Zöglinge aus DDR-Kinderheimen und der Insassen von Jugendwerkhöfen, die dort sexuellem Missbrauch, Gewalt und Willkür ausgesetzt waren. Angesichts der 61 Namen umfassenden Teilnehmerliste hatten die Betroffenen beklagt, dieses Thema werde am Runden Tisch ausgeblendet. Als dann das Bundesfamilienministerium und die Schweriner Ministerin darauf hinwiesen, Schwesig vertrete die Interessen der Betroffenen in dem Gremium, brüskierte das die Opfer eher als dass es sie beruhigte. Eine Jungpolitikerin, die zum Mauerfall 15 Jahre alt war, sollte zuständig sein für die Aufarbeitung der jahrzehntelangen Auswüchse eines staatlich sanktionierten Unrechts im zwielichtigen System der DDR-„Jugendhilfe“?, fragten sich viele.

„Der Umgang mit diesem Thema zeigt, dass die Politik die Debatte im Keim ersticken will“, sagt Ralf Weber verbittert. Weil sein Vater alkoholabhängig war, hatte die Jugendhilfe ihn sechsjährig als milieugeschädigt eingestuft, er kam 1961 in eine psychiatrische Klinik, danach ins Kinderheim, in ein zweites, drittes, dann in ein Spezialkinderheim, schließlich in einen Jugendwerkhof mit all dem Drill und sexuellen Übergriffen. In der Initiativgruppe Geschlossener Jugendwerkhof Torgau berät Weber seit 15 Jahren nun Menschen mit ähnlichen Schicksalen. Den Runden Tisch hält er schon im Ansatz für verfehlt. „Um festzustellen, wer diese Opfergruppe am besten vertreten kann, hätte man zunächst auf Opferverbände und Gedenkstätten wie Hohenschönhausen, Normannenstraße, das Bautzenkomitee oder die Initiativgruppe Torgau zugehen und deren Sachverstand, deren Kontakte zu Betroffenen nutzen müssen“, sagt Weber.

Auch Jens Barth findet es „total daneben, dass sich Leute als Vertreter der Opfer bezeichnen, die überhaupt nicht wissen, wovon sie reden“. Als notorischer Schulschwänzer war Barth mit acht Jahren in ein Kinderheim eingewiesen worden. Es folgten weitere, die alle dem Kombinat Sonderheime Berlin unterstanden, das für verhaltensauffällige, unangepasste Kinder zuständig war. „Das waren große pädagogische Experimentierküchen“, sagt Barth. Er sei mit Psychopharmaka vollgepumpt worden. Aber die größten Qualen durchlitt er, als er in das Jugendhaus nach Halle kam, eine geschlossene Anstalt. „Sexuelle Nötigung und Vergewaltigung unter den Insassen waren an der Tagesordnung. Das Wachpersonal hat es gewusst, aber nicht unterbunden. Denn es gehörte zum System der ,Selbsterziehung’“, sagt der heute 50-Jährige.

Der sächsische CDU-Bundestagsabgeordnete Manfred Kolbe hat an alle drei Vorsitzende des Runden Tisches geschrieben und die angemessene Beteiligung dieser Opfergruppe angemahnt. Die Antworten ähneln sich: Ja, eine Unterscheidung nach Herkunft der Opfer dürfe es nicht geben. Nein, die Teilnahme eines speziellen Vertreters sei nicht nötig.

Und was ist aus Schwesigs Vorstoß geworden? „Meine Anregung, auch die Missbrauchsopfer aus DDR-Heimen direkt anzuhören, ist auf Zustimmung gestoßen“, sagte sie am Mittwoch. Für Ende des Jahres sei ein Hearing des Runden Tisches geplant, bei dem die Opfer aus den DDR-Einrichtungen zu Wort kommen sollen. Man dürfe ihnen „nicht auch noch den Eindruck vermitteln, wir würden sie fremdbestimmen, weil wir zu wissen glauben, was jetzt gut und richtig ist.“

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