Politik : Sherlock Holmes und die verlorene neue Mitte (Kommentar)

Roger Boyes

Sherlock Holmes nahm einen langen Zug aus seiner Opium-Pfeife, ehe er sich an den treuen Dr. Watson wandte. "Watson, glauben Sie an Zufälle? Am 4. Juni unterzeichnen zwei Politiker, Blair und Schröder, ein Dokument, das den Sozialdemokraten Europas etwas empfiehlt, das sie den Dritten Weg nennen - eine Angelegenheit von eher mysteriösem Inhalt. Wenig später erleiden beide desaströse Niederlagen. Könnte es da einen Zusammenhang geben?"

Watson hielt einen Moment inne, tief in Gedanken. "Von Blair habe ich gehört", sagte er nach einer Weile. "Ich glaube, er ist ein Verkäufer dieser neumodischen Automobile." Der Meisterdetektiv nahm keine Notiz von dieser Abschweifung. "Mich erinnert das an den Fall mit dem Hund, der nicht bellte. Fällt Ihnen das nicht auf, Watson? Viel Lärm von Politikern, aber viel Schweigen im Volk. Wie kann man das messen - die schweigende Masse? Tausende, ach was: Millionen sozialdemokratischer Anhänger wählen nicht. Die neue Mitte, scheint es, ist in den Wohnzimmern zu finden."

"Vielleicht schien die Sonne einfach zu freundlich am Wahltag in Brandenburg und im Saarland", gab Watson zu bedenken. "Wie schon in Hessen. Und womöglich ist es morgen in Thüringen ebenso sonnig - und demnächst in Berlin." - "Oder die Geschäfte hatten trotz Sonntag geöffnet. Sagen Sie mal ehrlich, Watson: Wenn Sie die Wahl hätten zwischen Kaufhof und Diepgen, was würden Sie vorziehen?" - "Es hängt davon ab, was preiswerter kommt. Mrs. Watson legt Wert auf ein ausgeglichenes Budget."

Holmes mochte Ausflüge ins Privatleben nicht sonderlich. "Watson, ziehen Sie Folgendes in Betracht: 78 Prozent der SPD-Wähler haben das Schröder-Blair-Papier nie gelesen. Das ist das Rätsel: dass sie wegen etwas, was sie gar nicht kennen, ihre Pflichten als Mitglieder einer der ältesten Parteien Europas vergessen. Das ergibt keinen Sinn." - "Ist da nicht ein schrecklicher Krieg im Gange zwischen Traditionalisten und Modernisierern, Holmes? Vielleicht wollen die Wähler sich da raushalten. Oder sie glauben, die CDU sei weit mehr die wahre Stimme der neuen Mitte." Watson war kein religiöser Mann, doch er bekreuzigte sich - im Gedenken an die ersten Opfer dieses Krieges, Bodo Hombach und Peter Mandelson.

"Strengen Sie sich an, Watson! Benutzen Sie ihre Augen! Es ist jetzt zehn Uhr morgens, die Straßen von Berlin sind voller Menschen. Wer sind sie? Frührentner. Die SPD ist älter geworden, die CDU jünger. Die Unsicherheit künftiger Renten trifft die SPD-Wähler härter als der vorzeitige Tod der D-Mark. In England fürchten sie sich vor dem Euro. Blair wird weiter an Popularität verlieren, sobald er etwas Endgültiges über den Euro sagt. Bei Schröder ist es kaum anders, nur geht es hier um das Alter: Seine Partei ist eine Partei der Rentner. Die werden ihm nie vergeben."

Watson wedelte den dichten Rauch beiseite. "Die SPD wendet sich gegen ihre Führung, weil sie deren Umgang mit Geld misstraut? So, wie die CDU das Vertrauen in Kohl und Waigel verloren hatte?" - "Politisches Einmaleins, Watson: Trau keinem über 30."Der Autor ist Korrespondent der britischen Zeitung "The Times". Aus dem Englischen von Christoph von Marschall.

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