Politik : Show

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Muss das sein: Elf Prominente Kakerlaken, Känguruhoden und die sogenannte Kotzfrucht essen lassen und die Kamera draufhalten? Ja, meinen zumindest die Millionen Menschen, die ab dem 8. Januar wieder einschalten werden, wenn RTL die siebte Staffel des „Dschungelcamps“ startet.

Das „Dschungelcamp“ ist Trash (englisch für Abfall, Müll), laut Onlineenzyklopädie Wikipedia also ein kulturelles Produkt mit geringem geistigen Anspruch, an dem gerade der Aspekt der Geistlosigkeit genossen wird. Auch die Kuppelshow „Bauer sucht Frau“ oder Castingformate wie „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) und „Germany’s Next Topmodel“ (GNTM) fallen unter diese Definition. Sie erreichen mehrere Millionen Zuschauer, eben gerade weil die Dramaturgie erwartbar ist, die Protagonisten polarisierend sind und es immer genügend Anlass zum Fremdschämen gibt. Trash ist beste Fernsehunterhaltung – was aber nicht heißt, dass nun bitte das ganze Programm damit überschwemmt werden soll. Nein, gewünscht ist gleichermaßen ein kulturelles Produkt mit großem geistigen Anspruch, an dem gerade der Aspekt des Einfallsreichtums genossen wird.

Und gerade da scheint den Fernsehmachern derzeit wenig einzufallen. Statt echter Innovationen findet sich ein Abklatsch nach dem anderen: ProSieben ist mit „GNTM“ erfolgreich? Dann machen wir doch auch eine Modelcastingshow, haben sich Vox und Sat.1 gedacht und floppten beide mit ihren Formaten. Auch „GNTM“ selbst, „DSDS“ und „Das Supertalent“ verlieren immer mehr Zuschauer. Auf Dauer ermüden die Formate, doch den Machern fehlt offenbar aus Angst vor einbrechender Quote der Mut, Neues auszuprobieren – sowohl im öffentlich-rechtlichen Fernsehen als auch bei den Privaten.

Lichtblicke sind da Moderatoren wie Joko Winterscheidt und Klaas Heufer- Umlauf, die ProSieben gerade dem ZDF weggeschnappt hat. Im Spartenkanal ZDFneo haben die beiden Moderatoren mit „neoParadise“ gezeigt, wie gut unangepasstes Fernsehen sein kann – auch, wenn die jungen Wilden damit manchmal auf die Nase gefallen sind. Bei ProSieben werden sie hoffentlich weiter Platz zum Austoben bekommen.

Unschlagbar im deutschen Showgeschäft ist derzeit aber „Schlag den Raab“-Erfinder Stefan Raab. Er verbindet Witz und Spannung, findet immer einen neuen Dreh. So hat er sich dieses Jahr an das Format Politiktalk gewagt und geht demnächst mit einer Karnevalssitzung auf Sendung. Die ARD präsentiert ihren Zuschauern dagegen einen Einheitsbrei aus Pilawapflaumebeckmannjauch, das ist fade wie Haferschleim. Und gibt’s dann doch einmal was Neues, sieht es wie in der „Zaubershow“ mit Judith Rakers aus wie Fernsehen vor 60 Jahren.

Wenn die Sender ihre Zuschauer unterhalten wollen, dann sollten sie sich bitte mehr trauen. Sonja Pohlmann

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