Politik : SHOWS, MUSIK UND SOAPS

WIRTSCHAFT: Es gibt nur wenige ökonomische Erfolgsstories in Afghanistan. Die von Saad Mohseni ist eine. Er wappnet sich schon für eine Rückkehr der Taliban.

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Foto: AFP

Musik, Tanz, Gesang waren verboten.

Das ist vorbei. Spaß an der Freude ist wieder erlaubt, wird sogar gefördert. Ein Projekt am Nationalinstitut für Musik zum Beispiel ermöglicht seit zwei Jahren Straßenkindern eine Ausbildung, indem es Instrumente bereitstellt und Studienkosten übernimmt.

Freizeitvergnügen Nummer 1:

Drachen steigen lassen.

Nicht einfach so – sondern als

Wettkampf, bei dem durch

geschickte Manöver die Schnur des anderen durchtrennt und sein Drache zum

Absturz gebracht werden soll.

Er bringt die Afghanen zum Lachen und Weinen, zum Singen und Tanzen. Millionen fiebern mit, wenn sein Sender Tolo TV den „Afghan Star“ sucht, träumen sich in Seifenopern aus der tristen Realität in eine schöne Scheinwelt oder verfolgen auf Tolonews die Nachrichten des Tages. Der Mann, der hinter all dem steht, heißt Saad Mohseni. Der 45-Jährige ist einer der erfolgreichsten Unternehmer Afghanistans. Und einer der mächtigsten Männer hinter den Kulissen.

Aus dem Nichts haben er und seine Brüder ein Medienimperium aus dem Boden gestampft. Heute ist er Herr über die populärsten Radio- und TV-Sender des Landes, eine Werbeagentur, eine Filmproduktionsgesellschaft und 1000 Mitarbeiter. Furchtlos bietet er den Taliban und den Religiösen Paroli – mit Soaps, mit Reality- und Spielshows, mit Musiksendungen und Nachrichten, die Tabus brechen. Gebildet, redegewandt und charmant, avancierte Mohseni schnell zum Vorzeige-Afghanen, auch weil er so westkompatibel ist. Fließend parliert er mit Journalisten in Englisch, könnte, angetan mit Jeans, Fliege und Designerbrille, auch in Berlin leben. Den „Rupert Murdoch“ Afghanistans nannte ihn der „New Yorker“. „Time“ wählte ihn 2011 unter die 100 mächtigsten Menschen der Welt.

Ein typischer Afghane ist Mohseni allerdings nicht. Geboren 1966 in London, wuchs der Diplomatensohn größtenteils im Ausland auf. 1982 wanderte seine Familie nach Australien aus, wo er zuletzt als Investmentbanker arbeitete. Er besitzt die australische Staatsangehörigkeit. Erst nach dem Sturz der Taliban kehrten Mohseni und seine Brüder Zaid und Jahid 2002 nach Afghanistan zurück, um ihrer „geschundenen Heimat zu helfen“, wie er sagt. „Die Medien haben mich schon immer fasziniert, weil man über sie die Menschen, besonders die jüngeren, beeinflussen kann.“

Große Unternehmen sind in Afghanistan bis heute rar – Kleinbauern und Händler bestimmen das Bild –, doch es gibt sie: Einige sind im Besitz des Staates (Ariana Airlines) oder von Spezis des Präsidenten Hamid Karsai (Watan-Gruppe). Andere gehören ausländischen Firmen (Telekom-Betreiber Roshan) oder ehemaligen Exil-Afghanen mit West-Pässen (Afghan Wireless). Auch Mohsenis Aufstieg wäre ohne die USA kaum denkbar gewesen. Zwar steckte die Familie fast ihr gesamtes Vermögen in die Moby-Gruppe. Aber auch die US-Regierungsstelle USAID half finanziell kräftig mit. Über die Finanzlage von Moby spricht Mohseni nicht gerne, Bilanzzahlen sucht man vergebens. Laut „New Yorker“ gibt er den Umsatz im „20-Millionen-Dollar-Bereich“ an.

Auf seinen Kanälen sehen die Afghanen, was unter den Taliban verboten war. Es wird Musik gespielt, Frauen arbeiten als Moderatorinnen, als DJs und reden sogar frei mit Männern. All das ist noch immer revolutionär. Schonungslos prangern seine Sender Wahlbetrug, Klüngelei und Korruption des Karsai-Regimes an. Das brachte ihm schon mehr als einmal Ärger ein. Seine Programme polarisieren. Für die einen ist Mohseni ein Reformer, der das Land und dessen Köpfe über die Medien modernisiert. Für die anderen ein „Agent Amerikas“, der Volk und Moral verdirbt. Er und seine Mitarbeiter leben in ständiger Gefahr. Mohseni verlässt das Haus nicht ohne schwerbewaffnete Body-Guards.

Und er wappnet sich für eine Rückkehr der Taliban an die Macht. Schon heute lebt er abwechselnd in Kabul und in Dubai, wo er sich ein zweites Standbein aufbaut und andere Krisenregionen ins Visier nimmt: die arabischen und zentralasiatischen Länder und den Iran. Doch fallenlassen will Mohseni Afghanistan nicht. Notfalls will er seine Sendungen vom Ausland an den Hindukusch beamen. Christine Möllhoff

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