Politik : Sich etwas vornehmen

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Von Simone von Stosch

Es war ein Tag der Trauer, ein Tag der großen Worte und der Medien. Es war ein bewegender Tag auf dem Erfurter Domplatz, auf dem sich mehr Menschen versammelt hatten als jemals zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik bei einer Trauerfeier. „Nichts ist mehr so, wie es war!" haben Erfurter Schüler und Lehrer auf ein Plakat gemalt. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Dem Medienrummel wird Vergessen folgen, über die Trauer und das Erschrecken wird sich der Alltag legen. Das Leben geht weiter. Doch schlimm wäre, wenn am Ende alles bliebe, wie es ist.

Es war auch ein Tag der Suche nach Ursachen, übrig bleibt das ungute Gefühl, dass der Amoklauf von Erfurt nicht verstehbar ist, dass es keine einfachen Gewissheiten gibt von Ursache und Wirkung, die uns beruhigen könnten. Nur, soll man es dabei bewenden lassen?

Es ist ja richtig, wenn lauter kluge Leute jetzt davor warnen, vorschnell Schlüsse zu ziehen. Manche sehen sogar die Freiheit in Gefahr und fürchten die „Zensur". Andererseits fragt sich, ob es wirklich der hundertprozentigen Sicherheiten bedarf, ob nicht die Möglichkeit, dass der eine oder andere die Trennschärfe zwischen virtueller Gewalt und Realität verliert, zum Reagieren zwingt.

Seit dreißig Jahren gibt es den Paragrafen 131 im Strafgesetzbuch. Er stellt die Verbreitung von Gewalt verherrlichenden Darstellungen unter Strafe. Dennoch gehen Tag für Tag Tausende Computerspiele über die Ladentheken, in denen der der Größte ist, der die meisten Toten produziert. Trotz des Paragrafen 131 ist es für Jugendliche leicht, sich Videos auszuleihen, die vor Gewalt strotzen. Nach Erfurt stellt sich die Frage, ob diese Freiheit nicht verantwortungslos ist.

1996 erschoss ein jugendlicher Amokläufer in Großbritannien 16 Kinder und deren Erzieherin. Die Briten waren schockiert. In Folge dieses Ereignisses wurde das britische Waffengesetz verschärft. Es ist heute das restriktivste in Europa. Das schützt nicht vor der Wiederholungsgefahr, aber Experten loben die abschreckende Wirkung.

Und da stimmt schon bedenklich, dass im Bundestag zeitgleich zum Amoklauf von Erfurt ein Waffengesetz verabschiedet wurde, das jungen Sportschützen im Alter von zehn statt bisher zwölf Jahren das Training mit Luftgewehren erlaubt, ab vierzehn gar mit scharfen Waffen. Auch hier braucht es keinen strikten Nachweis des Zusammenhangs von Waffenbesitz und deren Einsatz, damit das Gesetz überarbeitet wird, damit Jugendliche keine Munition mehr nach Hause tragen, damit das Mindestalter für Waffenbesitz hochgesetzt wird.

Wichtiger als die Diskussion über Gesetze und Maßnahmen ist, die Augen zu öffnen für das, was alle angeht: den Nährboden der Gewalt. Angesichts der seelischen Verwahrlosung vieler Kinder ist erstaunlich, dass nicht öfter bei dem einen oder anderen die Sicherungen durchbrennen. Die „Kids" von heute sind stärkeren Belastungen ausgesetzt denn je. Sie werden mit dem schulischen Leistungsdruck konfrontiert, mit Angst vorm Versagen. Für den Umgang mit Enttäuschung, Demütigung und Scheitern gibt es wenig Videospiele. Und kaum Vorbilder.

Gegen den inneren Frust und die Angst, die in Gewalt mündet – sich selbst oder anderen gegenüber –, hilft Zuwendung, hilft Liebe mehr als Gesetze. Das allerdings ist ebenso leicht gesagt, wie schwer umzusetzen. Denn auch Eltern und Familien sind höheren Belastungen ausgesetzt, sind oft selbst angespannt. Da werden Fernseher und Computer zum „Kinderbetreuer".

Es ist nicht alles anders nach Erfurt. Schlimm wäre aber, wenn alles so bliebe, wie es ist.

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