Politik : …sich tüchtige Minister treffen

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Die Zahl der Menschen, die eine persönliche Begegnung mit Otto Schily als glückhaft und entspannt beschreiben, ist nicht sehr groß. Unter den Ministern des Kabinetts Schröder gibt es bescheidene und unkomplizierte Menschen, so viel ist gewiss, auf der Suche nach ihnen sollte man aber nicht als allererstes das Büro des Innenministers aufsuchen.

Und wenn schon! Otto Schilys Hauptaufgabe besteht nicht darin, die Herzen für sich zu gewinnen. Er ist 72 Jahre alt und wirkt topfit, sozusagen der Konrad Adenauer der deutschen Innenpolitik. Beim Vergleichen fällt einem auch automatisch ein legendärer Innenminister aus Frankreich ein, Joseph Fouché, Herzog von Otranto. Fouché war glühender Revolutionär unter Robespierre, nach Robespierres Sturz gemäßigter Innenminister der Republik, nach dem Ende der Republik kaisertreuer Innenminister bei Kaiser Napoleon, nach Sturz und Verbannung Napoleons Innenminister bei König Ludwig XVIII., und wenn es nicht biologische Grenzen gäbe, dann wäre Fouché heute, mit 245 Jahren, Innenminister bei Jacques Chirac. Otto Schily stammt aus einem großbürgerlichen Elternhaus, war Anhänger des SDS, Verteidiger in den RAFProzessen, USA-Kritiker, im „Sprecherrat“ neben Petra Kelly Chef der Grünen und ist heute Sozialdemokrat. Über Fouché ist von geistig unbeweglichen Weltverbesserern geschimpft worden, ein Verräter sei er, aber es gibt auch nachdenklichere Stimmen. Hat Fouché vielleicht einfach nur besser als andere das Wesen der Politik verstanden? Die Tüchtigen müssen regieren. Das ist das Entscheidende. Fouché war der Auffassung, er sei zu tüchtig, um auf irgendeinem Schloss in Langeweile zu verrotten, dass er Innenminister sei, liege einfach im Interesse Frankreichs. Und tüchtig war er, kein Zweifel.

Morgen wird Otto Schily, für seine Verdienste um das deutsch-amerikanische Verhältnis, der „Transatlantic Partnership Award“ verliehen. Die Laudatio hält Tom Ridge, Minister für Heimatschutz im Kabinett Bush. In seiner Zeit als Gouverneur von Pennsylvania ist Tom Ridge nicht nur dadurch aufgefallen, dass er die Todesstrafe wieder einführte, sondern auch dadurch, dass er sie besonders oft anwenden ließ. Mehr als 200 Mal. Fast jede Woche eine Hinrichtung, in einem Staat, der gar nicht so groß ist. Heute ist Ridge dafür zuständig, dass Telefongespräche zwischen Anwälten und ihren Mandanten überwacht werden. Schily und Ridge. Weit sind die Wege des Lebens! Und eines steht fest, auch die nächste Bundeskanzlerin braucht tüchtige Minister. mrt

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