Sichergestellte Al-Qaida-Daten : "Größter Schatzfund seit 9/11"

Die bei der Tötung von Al-Qaida-Chef Osama bin Laden sichergestellten Daten sind US-Ermittlern zufolge einer der "wohl größten Schatzfunde seit 9/11". Unterdessen wurden neue Details über bin Ladens Verhalten kurz vor seinem Tod bekannt.

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Die Terrororganisation Al Qaida soll überlegt haben, einen Zug durch Manipulation der Schienen auf einer Brücke zum Entgleisen zu bringen. Das Foto zeigt einen Zug an der Grand Central Station in New York.
Die Terrororganisation Al Qaida soll überlegt haben, einen Zug durch Manipulation der Schienen auf einer Brücke zum Entgleisen zu...Foto: dpa

Der Al-Qaida-Chef Osama bin Laden plante neue Terroranschläge in den USA und war auch während seines mehrjährigen Aufenthalts in einem Versteck in Pakistan an der Ideengebung beteiligt. Das berichten Experten der US-Regierung in Hintergrundgesprächen mit Journalisten über erste Ergebnisse der Auswertung der handschriftlichen Dokumente, Computer und Datenträger, die das US-Einsatzteam bei der Tötung bin Ladens am vergangenen Sonntag in Abbottabad erbeutet hat. Zudem wurden neue Details über bin Ladens Verhalten in den letzten Augenblicken vor seinem Tod bekannt. Die Öffentlichkeit erfuhr auch Näheres zu einem geheimen Unterschlupf des US-Geheimdienstes CIA in Abbottabad, von dem aus Spione das Gebäude auskundschafteten, in dem bin Laden lebte.

In einem Notizbuch, das bin Laden zugeschrieben wird, fanden die Ermittler Eintragungen vom Februar 2010, die Anschläge auf amerikanische Bahnstrecken beschreiben. Das Ziel war, an Tagen mit hoher öffentlicher Aufmerksamkeit wie Weihnachten, Neujahr, dem Tag der Rede des Präsidenten zur Lage der Nation oder dem zehnten Jahrestag des Anschlags auf das World Trade Center in New York am 11. September 2011 Züge zum Entgleisen zu bringen. Die Experten sagen, sie hätten bisher keine konkreten Hinweise auf eine bestimmte Aktion an einem spezifischen Ort gefunden. Die US-Regierung nahm die potenzielle Gefahr aber ernst genug, um eine Warnung an die Dienststellen der Bahn zu veranlassen. Die US-Terrorabwehr hatte in den jüngsten Jahren mehrfach Hinweise zu Anschlagsplänen gegen Züge im Berufsverkehr und U-Bahnen gefunden. 2009 deckte das FBI einen solchen Plan in New York auf. Neu sei jetzt vor allem bin Ladens persönliches Interesse an dieser Art von Anschlägen.

Die Experten sagen außerdem, die Erkenntnisse belegen, dass bin Laden auch in den Jahren, in denen er sich in Pakistan versteckte, in regelmäßigem Kontakt mit Al Qaida stand und Ideen zu neuen Anschlägen gab. Dafür habe er sich eines Systems persönlicher Kuriere bedient. Den Gebrauch eines Telefons oder des Internets habe er vermutlich vermieden aus Furcht, geortet zu werden.

Die Auswertung brauche Zeit, sagen diese Fachleute. Es handele sich um den „wohl größten Schatzfund seit 9/11“ an Informationen zu Terrorplanungen. Er umfasse handschriftliche Unterlagen bin Ladens, fünf Computer, zehn Festplatten und mehr als hundert Geräte zur Datenspeicherung. Das Material müsse gesichtet und aus dem Arabischen übersetzt werden. Es hänge auch vom Zufall ab, auf welche Informationen man zuerst stoße. US-Medien berichten, die elektronischen Daten würden mit typischen Suchwörtern gefiltert wie dem arabischen Wort für „Hochzeit“. Es gilt als Codewort für einen Anschlag, weil in diesem Moment der Täter mit seiner Bombe oder anderweitigen Waffe „vermählt“ werde.

In weiteren Hintergrundgesprächen gaben Regierungsvertreter neue Informationen zum Ablauf des Zugriffs auf bin Laden bekannt. Die Elitesoldaten hätten ihn erstmals im dritten Stock zu Gesicht bekommen. Zuvor mussten sie sich in einem Feuergefecht mit bin Ladens Begleitern in den unteren zwei Geschossen den Weg frei kämpfen. Bin Laden habe auf der Türschwelle zu seinem Wohnraum gestanden und sich abrupt umgedreht. Deshalb hätten sie geschossen. Er wurde in den Kopf und die Brust getroffen. „Es war unklar, ob er in den Raum zurückwill, um sich eine Waffe zu holen oder zu fliehen, oder ob er einen Sprengstoffgürtel trägt und den Auslöser bedienen will“, hieß es. Im Raum habe man ein „Kalaschnikow“-Sturmgewehr, das bin Ladens Markenzeichen war, und eine Pistole gefunden.

Wie nun bekannt wurde, hat die CIA längere Zeit ein „sicheres Haus“ in der pakistanischen Militärstadt Abbottabad unterhalten. Sie hielt das angeblich vor Pakistan geheim. Von dem Unterschlupf aus hätten ihre Spione das verdächtige Anwesen ausgekundschaftet, in dem, wie sich später herausstellte, bin Laden lebte. Seinen Rückzug in ein Versteck in Pakistan erklären US-Geheimdienstler mit dem Verfolgungsdruck, dem er in Afghanistan ausgesetzt war wie auch im Grenzgebiet zu Pakistan, das als üblicher Rückzugsraum für Al Qaida und die Taliban gilt. Er musste fürchten, bei einem Drohnenangriff ums Leben zu kommen und habe vor der Wahl gestanden, was gefährlicher sei: in einem Versteck zu bleiben oder ständig den Ort zu wechseln. „Er wusste, dass wir ihn früher schon mal gefunden hatten. Damals hatte er noch viele Bodyguards, Geländewagen und andere auffällige Dinge. Das hat er alles aufgegeben.“

Die US-Regierung hat ihre Darstellung der Abläufe in den Tagen seit dem Zugriff mehrfach korrigiert oder ergänzt. Experten erklären das so: Es habe mehrere Tage gedauert, die Mitglieder des Einsatzteams einzeln zu befragen. Das dauere auch jetzt noch an. Daraus ergäben sich neue Informationen.

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