Politik : Sicherheit im Schatten der Mauer

Israel sieht sich bestätigt: Wo die umstrittene Sperranlage bereits steht, ist die Gewalt deutlich zurückgegangen

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

Zuerst schufen die Bauern in der israelischen Scharon-Ebene einen Erdwall. Weil Stacheldrahtzäune die palästinensischen Diebe nicht abhielten. Nun soll ein Sperrwall aus Hochsicherheitsdraht und Betonmauern palästinensische Terroranschläge in Israel verhindern. Einen totalen Schutz vor Terroranschlägen gibt es aber nicht, auch der Sperrwall kann keinen solchen bieten. Diese Erkenntnis hämmern die Verantwortlichen für die Sicherheit und die Errichtung des Walls der israelischen Bevölkerung seit langem in die Köpfe. Doch dass die Zahl der Anschläge in Orten, die bereits vom Sperrwall geschützt sind, teilweise auf null gesunken ist, beweisen nicht nur die Statistiken. Die Bürger fühlen sich deutlich sicherer, der Alltag normalisiert sich zumindest teilweise.

Wenn es aus israelischer Sicht noch eines Beweises bedurft hätte für die lebenswichtige Notwendigkeit des Sperrwalls, so hat ihn der Attentäter vom Sonntag erbracht. Der zu den Al-Aksa-Brigaden der Fatah-Bewegung von Yassir Arafat gehörende Terrorist drang von Bethlehem aus durch eine noch wenige hundert Meter breite Lücke ungehindert ins Stadtgebiet von Jerusalem ein.

Der 23-Jährige bestieg den Linienbus Nr. 14, fuhr mit diesem durch das „Tal der Geister“ und sprengte sich an der Kreuzung Bethlehemstraße unweit des Freiheitsglockengartens in die Luft.

Der Bau des Sperrwalls ist bisher nur im Norden abgeschlossen. Die rund 30 Meter breite Sicherheitsanlage, die sich über fast 120 Kilometer südwärts durch das Westjordanland zieht, meist nahe der grünen Waffenstillstandslinie von 1949, dient offiziell einzig dazu, die Infiltration durch Selbstmordattentäter und andere Terroristen zu verhindern. Sie unterbindet aber auch ein paar Phänomene, welche die Israelis seit Jahren plagen: den Ernteraub, den Autodiebstahl und den Beschuss des Autoverkehrs.

Im Süden von Kfar Saba und Kalkilijah hatte es einst begonnen: Um ihre Felder und Plantagen vor Dieben zu schützen, schütteten die Bauern von Sde Hemed Erdwälle auf – auf israelischem Gebiet allerdings, meist ein paar Dutzend Meter westlich der grünen Linie. „Was sollen wir denn machen?“, hielten sie Kritikern vor: „Die (Palästinenser aus den umliegenden Dörfern) klauen alles, was nicht niet- und nagelfest ist“. Es soll vorgekommen sein, dass die teuren Bewässerungsschläuche gleich kilometerweise aufgerollt und abtransportiert wurden.

In Masor, unweit des Flughafens Ben Gurion, gleicht das Leben der Bauern einem Albtraum: Ihre Verluste gehen in die Millionen. Ihre Avocados können sie derzeit nicht ernten; palästinensische Diebe aus dem nahen Rantis haben in den letzten Wochen alles abgeräumt und noch unzählige Bäume zerstört.

Zwei Autobahnen verbinden Tel Aviv und Jerusalem, beide führen durch palästinensisches Gebiet. Die neuere der beiden, die Autobahn 443, wurde zu Beginn der zweiten Intifada vor mehr als drei Jahren zur Geisterbahn: Palästinenser nahmen sie – meist abends – gerne unter Beschuss. Der Verkehr erholte sich erst wieder, als die Täter gefasst werden konnten.

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