Sicherheitsanalyse für Gorleben : Aus Mangel an Experten

Eigentlich müsste das Bundesamt für Strahlenschutz die Sicherheitsanalyse für Gorleben liefern. Doch das Amt habe nicht "die erforderlichen Kapazitäten", teilt das Umweltministerium mit. Nun soll Ex-Atommanager Thomauske das Endlager bewerten.

von und Reimar Paul[Göttingen]
Der Stacheldraht kehrt zurück. Seitdem Umweltminister Norbert Röttgen verkündet hat, dass die Erkundung des umstrittenen Endlagers Gorleben wieder aufgenommen werden soll, gibt es wieder Stacheldraht auf dem Zaun. Das Bundesamt für Strahlenschutz hatte sich in den Jahren zuvor um Abrüstung bemüht.
Der Stacheldraht kehrt zurück. Seitdem Umweltminister Norbert Röttgen verkündet hat, dass die Erkundung des umstrittenen Endlagers...Foto: picture alliance / dpa

Die Personalie Gerald Hennenhöfer hat im vergangenen November schon ziemliches Kopfschütteln ausgelöst. Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) hatte den früheren Atomlobbyisten und Generalbevollmächtigten des Energiekonzerns Viag (heute Eon) zum Leiter der Abteilung für Reaktorsicherheit berufen. Doch nun soll ausgerechnet Bruno Thomauske als einer von mehreren Gutachtern mit der Sicherheitsanalyse für das umstrittene Atomendlager Gorleben betraut werden. 1988 übernahm Thomauske im Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) das „Projekt Gorleben“. 2003 wechselte er zum Energiekonzern Vattenfall, wo er die Kernkraftsparte leitete. Dort musste Thomauske allerdings nach dem Trafo-Brand im Atomkraftwerk Krümmel 2007 gehen.

Das Umweltministerium bestätigte, dass Thomauske Mitverfasser der Sicherheitsanalyse zu Gorleben der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) werden soll. Die Studie wird vom Umweltministerium finanziert. Eine Sprecherin des Umweltministeriums sagte, Thomauske sei ein anerkannter Fachmann. Wegen seiner früheren Tätigkeit im BfS sei Thomauske „einer der größten Wissensträger für den Standort“. Man sei darauf angewiesen, Experten mit den höchsten Kompetenzen ins Boot zu holen. Das Bundesumweltministerium (BMU) bemühe sich, das gesamte zur Verfügung stehende Know-how in Anspruch zu nehmen. „Nach elf Jahren Unterbrechung der Erkundungsarbeiten in Gorleben ist der Kreis der Experten nicht mehr sehr groß.“ Er ist offenbar so klein, dass für die Qualitätssicherung der Studie das Institut für Endlagerforschung der TU Clausthal eingesetzt wurde. Das Institut wird von den Energiekonzernen finanziert.

Eigentlich müsste das BfS die Sicherheitsanalyse für Gorleben liefern. Doch nach Auskunft des Umweltministeriums „hat das BfS zurzeit nicht die erforderlichen Kapazitäten, um eine solche Analyse vorzulegen“. Ziel sei, dass die Sicherheitsanalyse bis 2012 abgeschlossen sei, dann solle sie von internationalen Experten bewertet werden.

Der frühere Umweltminister und heutige Fraktionschef der Grünen im Bundestag, Jürgen Trittin, sagte dem Tagesspiegel: „Wenn das Desaster in Krümmel und Brunsbüttel zum Vorbild für die Sicherheitskultur in Gorleben werden soll, dann gute Nacht Wendland.“ Trittin wirft Röttgen vor, er habe offenbar „überhaupt kein Gespür für Interessenkonflikte“. Er weist darauf hin, dass sein Abteilungsleiter Reaktorsicherheit, Gerald Hennenhöfer, an bestimmten Verwaltungsverfahren wegen Befangenheit nicht teilnehmen dürfe. Nun komme der nächste ehemalige Beschäftigte eines Atomkonzerns. „Das ist instinktlos. Unter Röttgen wird das Umweltministerium immer mehr zur Matroschka: Außen steht BMU drauf, guckt man rein, stecken Vattenfall und Eon drin.“

Scharfe Kritik kam auch von der Bürgerinitiative (BI) Umweltschutz Lüchow- Dannenberg. „Der Filz erreicht unter Bundesumweltminister Norbert Röttgen eine neue Qualität“, schimpfte BI-Sprecher Wolfgang Ehmke. Thomauske sei voreingenommen. „Unsere Einschätzung, wie wir die Einbindung von Atom- und Gorleben-Befürwortern bewerten, schwankt zwischen scham- und skrupellos“.

Der promovierte Physiker Bruno Thomauske befasst sich seit Jahrzehnten mit der Atom-Thematik. Er leitete nicht nur die Erkundung von Gorleben; später übernahm er in der Behörde auch Verantwortung für die Endlagerprojekte Schacht Konrad und Morsleben. Für die Genehmigung der Castortransporte sowie der Zwischen- und Interimslager an den Akw-Standorten war er ebenfalls zuständig. Thomauske reiste kreuz und quer durch die Republik und leitete die atomrechtlichen Anhörungen. Er diskutierte, erörterte – und genehmigte. Befürchtungen und Einwände habe er stets als „unbegründet“ vom Tisch gewischt, erinnern sich Umweltschützer. Für den Bau aller von den Akw-Betreibern beantragten Zwischenlager gab das BfS nach Thomauskes Votum grünes Licht. Natürlich auch für die Zwischenlager an den Atomkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel, die Vattenfall verantwortet; sie gehören je zur Hälfte Vattenfall und Eon.

Als Thomauske 2003 zu dem schwedischen Staatskonzern Vattenfall wechselte, wurde ihm vorgeworfen, er habe schon vorher dort unter Vertrag gestanden und Insiderwissen des BfS an den Konzern weitergegeben. Das wurde ihm jedoch nie eindeutig nachgewiesen. Bekannt geworden ist hingegen die Festrede, die Geschäftsführer Thomauske 2006 bei der Inbetriebnahme des noch von ihm selbst genehmigten Brunsbütteler Zwischenlagers hielt. Deutschland benötige dringend ein Endlager für hochradioaktive Abfälle, sagte er damals. Die Erkundung des Salzstocks Gorleben müsse zügig fortgesetzt und das Genehmigungsverfahren zum Abschluss gebracht werden.

Ein Jahr später brannte im Akw Krümmel ein Transformator. Abgesehen von einem kurzen Wiederanfahrversuch, steht der Reaktor seitdem still. Auch das Kraftwerk Brunsbüttel wurde 2007 nach Pannen abgeschaltet. Weil Vattenfall auch beim Krisenmanagement schwere Fehler beging, mussten Thomauske und Vorstandschef Klaus Rauscher gehen. Doch Thomauske fiel weich – auf einen unter anderem von RWE gesponserten Lehrstuhl an der Technischen Hochschule Aachen.

Noch bevor Thomauske und Kollegen ihre Gorleben-Studie 2012 vorlegen, sollen die Erkundungsarbeiten in Gorleben wieder aufgenommen werden. Umweltminister Röttgen hat ein transparentes und ergebnisoffenes Verfahren zugesagt. Unverhohlen auf den Bau eines Endlagers im Wendland drängen vor allem die Stromkonzerne. Sie haben dort schon rund 1,3 Milliarden Euro investiert – aus steuerfreien Rücklagen.

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