Politik : Sicherheitsbericht: Das Bild der Täter

Markus Feldenkirchen

Sind jetzt auch Innenminister Otto Schily und Justizministerin Herta Däubler-Gmelin "Maulhelden"? So hat der saarländische Ministerpräsident Peter Müller (CDU) den Bundeskanzler für dessen Äußerungen zum Umgang mit Sexualstraftätern beschimpft. Die beiden SPD-Minister Schily und Däubler-Gmelin unterstützen ihren Kanzler und Parteichef Gerhard Schröder jedenfalls, der ein härteres Vorgehen gegen Kinderschänder verlangt hatte. "Wenn ein Mensch seine Triebstruktur nicht beherrschen kann, habe der Schutz der Kinder Vorrang", sagte Schily am Mittwoch. Jeder Sexualmord verpflichte dazu, die Strafjustiz immer wieder auf Schwachstellen zu untersuchen, sagte Däubler-Gmelin. Der Kanzler habe völlig Recht.

Zum Thema Online-Umfrage: Sexualstraftäter "für immer wegsperren"? Es passte gut in diese Zeit der populistisch angehauchten Debatte über Kriminalität, dass beide Minister am Mittwoch den ersten periodischen Sicherheitsbericht für Deutschland vorstellten. Dieser soll ein "möglichst umfassendes Bild der Kriminalitätslage" liefern, ist aus amtlichen Datensammlungen, wissenschaftlichen Untersuchungen und Ergebnissen aus der sogenannten Dunkelforschung gespeist. Der Bericht soll quasi die Ursachen hinter den nackten Zahlen der Kriminalitätsstatistik aufspüren, auf 621 Seiten.

Was der Sicherheitsbericht zum Thema Sexualdelikte festhält, ist interessant, weil es nicht gerade zu dem passt, was Schröder, Schily und Däubler-Gmelin gerade von sich geben. So ist etwa zu lesen, dass die "sexuell motivierte Tötung von Kindern" entgegen des öffentlichen Eindrucks in den vergangenen Jahren seltener vorgekommen ist. Auch sonst hat die Zahl der sexuellen Missbräuche von Kindern laut Polizeistatistik nicht zugenommen. Problematisch ist aber die Dunkelziffer. Rund 90 Prozent der sexuellen Missbrauchsfälle werden nicht angezeigt. Däubler-Gmelin sprach von mehreren 10 000 Kindern im Jahr, die vor allem von Eltern, anderen Verwandten oder Nachbarn geschändet würden. Die bisher einzige repräsentative Dunkelfeldstudie zeigt, dass auch die Zahl der nicht angezeigten Missbrauchsfälle zurückgeht.

In gewisser Weise widerlegt der Sicherheitsbericht auch die These des Kanzlers, wonach Kinderschänder nicht therapierbar seien. Der Bericht verweist auf eine neuere Studie der Kriminologischen Zentralstelle, dass die Rückfälligkeit "mit etwa einem Fünftel der verurteilten Täter seltener ist als in der Öffentlichkeit vermutet". Dennoch sei die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls bei Sexualverbrechern höher als bei anderen Tätern.

Ein Schwerpunkt des Berichts ist die Kinder- und Jugendstraffälligkeit. Schily sagte, dass Gewalttaten von Jugendlichen sich vor allem gegen Gleichaltrige richten. Der Wissenschaftler Wolfgang Heinz, Mitautor, sagte, die verbreitete Angst von älteren Menschen vor jungen Straftätern entbehre oft der faktischen Grundlage. Zudem macht der Bericht deutlich, dass Jugendkriminalität zu einem großen Teil "ein alterstypisches Phänomen" ist, das sich im Zuge des Erwachsenwerden oft "von selbst verliert".

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