Sicherheitspolitik : Asiatisches Dreieck

Afghanistan und Indien betonen den gemeinsamen Kampf gegen den Terror. Das interessiert besonders Pakistan. Islamabad beäugt das Verhältnis zwischen Delhi und Kabul traditionell misstrauisch.

Ruth Ciesinger
Hamid Karsai
Der afghanische Präsident Hamid Karzai auf Staatsbesuch in Indien. -Foto: dpa

BerlinWenn Afghanistans Präsident Hamid Karsai Indien besucht, ist das nicht irgendeine Staatsvisite. Einmal, weil Indien eine der wichtigsten Kräfte beim zivilen Wiederaufbau des Landes ist: Erst am Montag hat Regierungschef Manmohan Singh Karsai zugesagt, die finanzielle Hilfe dafür um fast eine halbe Milliarde Dollar auf insgesamt 1,2 Milliarden aufzustocken. Zum anderen ist der Besuch besonders, weil Afghanistans großer und Indiens kleiner Nachbar Pakistan das Verhältnis zwischen Delhi und Kabul traditionell misstrauisch beäugt.

"Wir werden den Terrorismus mit aller Entschlossenheit bekämpfen"

Mit dem schweren Anschlag auf Indiens Botschaft in Kabul Anfang Juli, für den Afghanistan und die USA Teile des pakistanischen Geheimdienstes ISI mitverantwortlich machen, erreichten nicht nur die afghanisch-pakistanischen Beziehungen einen neuen Tiefpunkt. Auch das komplizierte Verhältnis zwischen Pakistan und Indien erhielt einen Dämpfer, den Grenzgefechte in Kaschmir vergangene Woche noch verstärkt haben.

Möglicherweise aber, sagt Radha Kumar, Sicherheitsexpertin in Delhi, könnte der Gipfel der südasiatischen Staatengemeinschaft Saarc am Wochenende etwas Entspannung gebracht haben; Pakistans Premier Jussuf Gilani habe Karsai sowie Singh am Rande des Gipfels in Sri Lankas Hauptstadt Colombo getroffen, der Botschaftsanschlag sei dabei zur Sprache gekommen. Außerdem stimmten alle drei Staaten für den Saarc-Beschluss, einen "regionalen Rahmen“ für die Bekämpfung von Terrorismus zu schaffen. Am Montag verkündeten dann Singh und Karsai mit Verweis auf den Anschlag von Kabul: "Wir werden den Terror vereint und mit voller Entschlossenheit bekämpfen.“

SWP: Afghanistan wird zum Nebenkriegsschauplatz

Kompliziert ist die Dreiecksbeziehung schon seit der Gründung Pakistans 1947. Kabul weigert sich zum Beispiel seit 61 Jahren, die Westgrenze zu Pakistan, die sogenannte Durand-Linie, anzuerkennen. Indien und Pakistan führten seit der Unabhängigkeit drei Kriege gegeneinander, in der geteilten Provinz Kaschmir stehen sich ihre Soldaten an der Waffenstillstandslinie nach wie vor bis an die Zähne bewaffnet gegenüber. Für den Kaschmirkonflikt hat Pakistan Afghanistan jahrelang als Trainingslager für islamistische Kämpfer genutzt.

Dabei hatten sich gerade im Streit um Kaschmir Indien und Pakistan in den vergangenen Jahren sogar angenähert. Eine Bus- und Bahnverbindung wurde eingerichtet, ein kontrollierter Grenzverkehr zugelassen, beide Seiten führen einen fortdauernden Dialog.

Doch jetzt, befürchtet Christian Wagner von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, könnte ausgerechnet Afghanistan zum "Nebenkriegsschauplatz“ zwischen Indien und Pakistan werden. "Teile des konservativen, nationalistischen und religiösen Establishments“, die möglicherweise auch in die Ermordung von Benazir Bhutto verwickelt seien, argumentiert Wagner, waren seit Jahren gegen die Annäherung an den Erzfeind Indien.

"Politik der kleinen Schritte" zwischen Indien und Pakistan

Der damalige Militärdiktator Pervez Musharraf hatte nach 2003 damit begonnen; was sein Nachfolger als Militärchef, Pervez Kiani, davon hält, weiß man nicht genau. Die im Februar neu gewählte zivile Regierung aber steht jedenfalls noch mehr als Musharraf für den politischen und wirtschaftlichen Annäherungskurs an Indien. Doch offenbar schätzen ihre Gegner sie als schwach genug ein, sie bei ihrem Entspannungskurs herauszufordern – jedenfalls könnte das ein Grund für den Anschlag in Kabul sowie die Spannungen in Kaschmir sein, vermutet auch Radha Kumar.

Indien, sagt die Sicherheitsexpertin, werde dennoch an der Annäherung festhalten. Hier könnten nun wichtige Entscheidungen fallen: Es geht zum Beispiel darum, ob indische Firmen künftig in Pakistan investieren dürfen, sowie um die Frage, ob demnächst ein Handel über die Waffenstillstandslinie in Kaschmir stattfinden kann. In jedem Fall hoffe Indien, sagt Kumar, dass das "Beziehungsdreieck“ Indien-Afghanistan-Pakistan aufgebrochen werde. "Wir müssen zu dem Punkt kommen, an dem wir ganz normale bilaterale Beziehungen pflegen können.“

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