Sicherheitspolitik : Nato und Russland streiten über Raketenabwehr

03.02.2012 12:44 Uhrvon
Ein Patriot-Raketenabwehrsystem während einer militärischen Übung in Mecklenburg-Vorpommern. Foto: dpa
Ein Patriot-Raketenabwehrsystem während einer militärischen Übung in Mecklenburg-Vorpommern. - Foto: dpa

Der geplante Schutzschild empört Moskau. Ein internationales Gremium hochrangiger Außenexperten präsentiert jetzt Vorschläge für eine Einigung.

BerlinEr war als einigendes Projekt gedacht, doch inzwischen treibt der geplante Raketenabwehrschirm die Nato und Russland eher auseinander. Auch wird die Zeit knapp, wenn sich das Nordatlantik-Bündnis an seinen selbst gesetzten Terminplan halten will: Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen will auf dem Nato-Gipfel am 21. Mai in Chicago eine Einigung zwischen Moskau und der Allianz präsentieren.

Intern schreiten die Vorbereitungen zwar voran. Am Donnerstag gab die Nato bekannt, dass die Kommandozentrale für den geplanten Raketenschild auf der US-Airbase im pfälzischen Ramstein angesiedelt sein wird.

Doch seit im Herbst 2010 auf dem Lissabonner Gipfel die Kooperation mit Russland bei der Raketenabwehr vereinbart worden ist, ist der positive Schwung von damals verloren gegangen. Beide Seiten können sich nicht darauf einigen, wie die Kooperation aussehen soll. Der Schild soll schrittweise bis 2020 aufgebaut werden, um Europa künftig vor einer Bedrohung durch Langstreckenraketen zu schützen.

Während das westliche Bündnis auf zwei verschiedenen Systemen beharrt, möchte Moskau ein gemeinsames System und wenigstens eine völkerrechtlich verbindliche Erklärung, dass die Nato ihren Raketenschirm nie gegen Russland richten wird. Gerade in den vergangenen Monaten hat die Moskauer Führung, wohl auch um innenpolitisch zu punkten, rhetorisch schweres Geschütz aufgefahren; der damalige Nato-Botschafter und jetzige Vizepremier Dmitri Rogosin drohte im Herbst sogar mit der Stationierung von Atomraketen in Kaliningrad, die Streitkräfte sollten „Maßnahmen suchen, mit denen Kontrollsysteme der Raketenabwehr zerstört werden können“.

Dass nun die Kommandozentrale in Deutschland und nicht in einem osteuropäischen Nato-Staat eingerichtet wird, könnte als positives Signal an Russland interpretiert werden, sagt Margarete Klein von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Zwar sei aus Moskau bis zu den Präsidentschaftswahlen im März kein starkes Entgegenkommen zu erwarten. Wenn die Kooperation aber gelinge, könnte sie der „entscheidende Schritt“ zur Verbesserung der Beziehungen zwischen USA, Nato und Russland sein.

Dieser Ansicht ist auch die Euro-Atlantic Security Initiative (EASI), ein Gremium hochrangiger außenpolitischer Akteure aus Europa, den USA und Russland, die tiefbesorgt sind über das westlich-russische Verhältnis und vor einem Rückfall in die Zeiten des Kalten Krieges warnen. Der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, Russlands früherer Außenminister Igor Ivanov und der frühere US-Senator Sam Nunn saßen der zweijährigen Arbeit der EASI vor. In ihrem Bericht „Toward a Euro-Atlantic Security Community“, der am heutigen Freitag auf der Sicherheitskonferenz vorgestellt wird, analysieren sie Grundlagen einer neuen euro-atlantischen Sicherheitsgemeinschaft, bei der es nicht nur um Aspekte militärischer Sicherheit, sondern auch um Versöhnung und wirtschaftliche Sicherheit geht. Die Annäherung Russlands an seine osteuropäischen Nachbarn und die Ressourcen der Arktis spielen hier ebenso eine Rolle.

Was den geplanten Raketenabwehrschirm betrifft, hat man, sagt Wolfgang Ischinger, Vorschläge erarbeitet, die sowohl den Bedenken republikanischer US-Senatoren entgegenkommen, die einen Technologietransfer an Russland fürchten, als auch den Wunsch der russischen Seite nach gleichberechtigter Zusammenarbeit respektieren.

So könnten die Daten und Informationen der US-Satelliten und seegestützten Sensoren einerseits sowie der russischen Satelliten und landgestützten Radaranlagen andererseits in gemeinsamen Zentren von Offizieren der USA, der Nato und Russlands ausgewertet werden. Dies würde einerseits eine effektive Zusammenarbeit ermöglichen, andererseits Souveränität und operative Kontrolle über die jeweils eigenen Systeme weiter gewährleisten. Noch vor dem Nato-Gipfel im Mai sollten sich die Staats- und Regierungschefs öffentlich zu einer euro-atlantischen Sicherheitsgemeinschaft bekennen, um dann in Chicago weitere Schritte zu besserem Austausch und gegenseitiger Information zu vereinbaren. In Russland, so sagt Wolfgang Ischinger, hätten die Vorschläge ausgesprochen positive Reaktionen erhalten.

Zusammen mit einer schriftlichen Erklärung, dass der Raketenschild der Nato keine Bedrohung für Russland darstelle, könnten solche vertrauensbildenden Schritte Moskau von der Sinnhaftigkeit der Kooperation überzeugen und den „Reset“ der russisch-amerikanischen Beziehungen nicht zu einem „Stopp“ werden lassen. US-Vizeaußenamtschef William Burns jedenfalls hat der russischen Zeitung „Komersant“ nun gesagt, Washington sei bereit, eine solche Erklärung „zu Papier zu bringen“.

Videos - Politik

Umfrage

Was halten Sie vom neuen Grass-Gedicht?

Service

Grüne Geschäfte - Der Blog

Wir können's besser: Für eine Wirtschaft, die Ressourcen und Klima schont
Der Blog von Tagesspiegel-Autorin Dagmar Dehmer und der Zeit-Online-Autorin Marlies Uken.

Rechtsextremismus in Deutschland

Weitere Themen

Das Kernkraftwerk Philippsburg im Landkreis Karlsruhe. Foto: dapd

Die aktuellen Tagesspiegel-Artikel aus unserem Atomkraft-Themenressort.

Atomkraft

Umfrage

Immer wieder wird der Verbleib Griechenlands in der Eurozone kontrovers diskutiert. Was denken Sie?

Todesopfer rechter Gewalt

Tagesspiegel-Abo

Foto:

Werden Sie Tagesspiegel-Abonnent und sichern Sie sich tolle Prämien. Spezielle Angebote finden Sie in unserem Aboportal.

Leser werben Leser - Vermitteln Sie einen neuen Tagesspiegel-Leser und wählen Sie Ihre Wunschprämie.

Studentenabo - Profitieren Sie von unseren günstigen Studentenangeboten.

Probeabo - 14 Tage kostenlos den Tagesspiegel lesen.

Tagesspiegel App für iPhone und iPad.

Aboservice - Ob Urlaub, Umzug oder Schwierigkeiten bei der Zustellung - wir helfen Ihnen weiter.

Tagesspiegel Abo
Deutsche ISAF-Soldaten: Der Krieg in Afghanistan geht ins elfte Jahr. Foto: dapd

Der Einsatz am Hindukusch neigt sich dem Ende zu. Eine Übersicht über alle Artikel zum Afghanistan-Krieg finden Sie hier.

Alles über Afghanistan
Wie geht es weiter mit dem Euro und der EU? Foto: Reuters

Zehn Jahre Euro. Alle Artikel zur Finanzeskalation im Krisenjahr 2011, wirtschafts- und finanzpolitische Themen in unserem Themenressort.

Euro-Krise

Krankenkassen-Vergleich

Foto:

• Beitragsrechner
• Versicherungsvergleich
• Tipps zum Wechsel

Der schnelle Weg zur günstigen Krankenkasse.

Hier vergleichen
Foto:

Das politische Geschehen in der Hauptstadt. Hautnah. Alles über die Berliner Landespolitik und ihre Akteure lesen Sie hier.

Berliner Landespolitik
Braunkohle-Tagebau des Vattenfall-Konzerns bei Jänschwalde .Aus Jänschwalde und Cottbus-Nord werden täglich zirka 60.000 Tonnen Braunkohle gefördert. Mit dieser Energie kann der Tagesbedarf einer Großstadt gedeckt werden. Foto: dpa

Solarenergie, Berichte von den Klimakonferenzen, Atomkraft und vieles mehr aus den Themenbereichen "Energie und Umwelt".

Energie

Biowetter, Deutschlandwetter und internationales Wetter, Niederschlagsmengen, Reisewetter und aktuelle Satellitenbilder. Behalten Sie das Wetter im Griff!

Tagesspiegel Wetterseite