Politik : Sicherheitsprobleme: Risse im Atommülllager

Reimar Paul

Die Salzschicht über mindestens zwei Einlagerungskammern im Atommüllendlager Morsleben in Sachsen-Anhalt weist Risse auf. Die Decke oder Teile davon drohen auf die am Boden lagernden Atommüllfässer zu stürzen. "Wir müssen nach den neuesten Erkenntnissen davon ausgehen, dass jeden Tag dieser Schadensfall eintreten kann", sagte der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), Wolfram König, dem ZDF-Magazin "Kennzeichen D" laut vorab verbreiteter Pressemitteilung. Mit dieser Äußerung ist die Einsturzgefahr gewissermaßen amtlich.

Neu ist sie indes nicht. Bereits 1969, die DDR suchte damals nach einem Endlager, warnten Wissenschaftler des Brennstoffinstitutes Freiberg (Erzgebirge) vor unkontrollierten Zuflüssen aus dem über dem Salzgestein liegenden Deckgebirge. In einem Protokoll hielten sie fest, dass es bei einer Überflutung der Grube durch Auflösung der Stützpfeiler zu Einstürzen kommen können. In einem Zwischenbericht zu einer staatlichen Sicherheitsstudie von 1971 hieß es wörtlich: "Der zentrale Teil der Grube lässt wahrscheinlich keine ausreichende Standsicherheit erwarten".

Gleichwohl begann 1986 die Einlagerung von Fässern mit schwach- und mittelradioaktivem Atommüll. 1990 übernahm die Bundesregierung das Endlager. Verantwortliche Behörde ist das BfS, mit der technischen Leitung wurde die bundeseigene Deutsche Gesellschaft zum Bau und Betriebe von Endlagern (DBE) betraut. 25 000 Kubikmeter Atommüll wurden seit 1990 neu eingelagert - Abfälle aus Atomforschungszentren, aus der Medizin, aus den Landessammelsstellen, aber auch kontaminierte Teile abgerissener Atomkraftwerke. 1998 wurde die eigentlich bis 2000 geplante Einlagerung nach einer Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Magdeburg gestoppt. Gegenwärtig läuft das Planfeststellungsverfahren zur endgültigen Stillegung von Morsleben. In dem Salzstock lagern insgesamt rund 35 000 Kubikmeter Abfälle.

Die Hinweise auf brüchige Salzdecken verdichteten sich auch nach der Wiedervereinigung. Im Februar warnte die DBE in einem vertraulichen Bericht vor der Einsturzgefahr. Ein Versagen der Schweben - so bezeichnen die Bergleute Salzschichten zwischen übereinander liegenden Hohlräumen - im Südfeld des Endlagers könne "nicht mit hinreichender Sicherheit ausgeschlossen werden", hieß es in dem der Umweltschutzorganisation Greenpeace zugespielten Report. Vor einem Jahr berichtete dann auch das BfS erstmals über Risse im Salzstock. Damals ging die Behörde allerdings noch davon aus, dass die Sicherheit der Grube davon nicht beeinträchtigt sei.

Dies ist jetzt anders. Den ZDF-Recherchen zufolge besteht konkret die Gefahr, dass sich in den beiden Kammern bis zu 1000 Tonnen schwere Salzbrocken aus der Decke lösen. Durch den Aufprall auf die Fässer könnte radioaktiver Staub in die Grube und möglicherweise durch die Lüftungsschächte auch nach außen gelangen. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) befürchtet bei einem Einsturz dramatische Folgen. "Dann gerät der ganze Salzstock in Bewegung", sagte ein Sprecher der Organisation. Wasser könne in das Bergwerk fließen und das radioaktive Inventar des Bergwerks ins Grundwasser gelangen. Auch der Michael Sailer, Atomexperte vom Öko-Institut Darmstadt, schließt nicht aus, dass nach einem Einsturz Radioaktivität an die Umwelt gelangt.

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