Politik : Sicherheitsstufe eins

Köln steht vor einer beispiellosen Herausforderung – die Stadt rüstet sich für den Weltjugendtag

Michael Schmidt

Berlin/Köln - „D’r Papst kütt“ – der Papst kommt, und Köln befindet sich im Ausnahmezustand. Zwar haben die Bewohner der Rheinmetropole durchaus Erfahrung mit hochkarätigen Mammutveranstaltungen: 1980 und 1987 kam Papst Johannes Paul II. in die Domstadt, 1999 fand hier der G-8-Gipfel statt. Der katholische Weltjugendtag (WJT) nächste Woche aber, ein 100-Millionen-Euro-Spektakel, wird eine der größten Veranstaltungen in der Geschichte der Bundesrepublik werden und damit ein Kraftakt sondergleichen für alle Beteiligten.

Von Dienstag an wollen sich 400000 Menschen aus aller Welt, Pilger, Bischöfe, Priester, sechs Tage lang im Erzbistum Köln über den Glauben austauschen und gemeinsam feiern. Höhepunkt ist der viertägige Besuch von Papst Benedikt XVI. Am kommenden Donnerstag wird er die Teilnehmer von Bord eines Rheinschiffes aus begrüßen. Und am Sonntag auf dem Marienfeld, einem ehemaligen Braunkohletagebau bei Köln, die Abschlussmesse zelebrieren: Ein Massenereignis, zu dem bis zu eine Million Menschen erwartet werden.

Die Vorbereitungen sind beispiellos. Nach den jüngsten Terroranschlägen wurde das Sicherheitskonzept noch einmal überarbeitet. Dabei unterstützt der Bund die WJT-Organisatoren mit 7,5 Millionen Euro. Zu Spitzenzeiten sollen neben der Schweizergarde, der Sondergendarmerie des Vatikans und dem Bundeskriminalamt, die für den Personenschutz zuständig sind, auch 4000 Polizisten und noch einmal so viele private Kräfte die Sicherheit von Papst und Teilnehmern gewährleisten. Zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Allein in Köln sind zudem 961 Mitarbeiter der Berufsfeuerwehr und 676 freiwillige Feuerwehrleute teils im Einsatz, teils in Bereitschaft. Dazu 30 Prozent mehr Rettungsdienste als üblich, Lebensretter und Katastrophenschützer.

Für Benedikt XVI. gilt Sicherheitsstufe eins. Während seines Aufenthalts überwacht die Nato den Luftraum mit Awacs-Aufklärungsmaschinen. Erstmalig wird auf dem Marienfeld eine „analytische Task Force“ unter anderem zur Fernerkundung von Gefahrstoffwolken eingesetzt. Entlang der Wegstrecke, die der Papst im Papamobil zurücklegen soll, wurden 500 Gully-Deckel versiegelt. Bis zu 30 Sprengstoffspürhunde haben im Dienste der Sicherheit jeden Winkel abgeschnüffelt, Taucher die Fahrtstrecke auf dem Rhein abgesucht.

Während der Schiffstour werden Eisenbahn und Schifffahrt angehalten. Wie überhaupt gilt: Wann immer sich Benedikt XVI. rührt, werden Straßen, Brücken, Autobahnen oder eben auch der Rhein gesperrt. Am Donnerstag, dem 18. und am Sonntag, dem 21. August, wenn Benedikt XVI. am Köln-Bonner Flughafen ankommt beziehungsweise abfliegt, wird die Autobahn dicht gemacht. Für die Zeit des Abschlussgottesdienstes wird – am letzten Ferientag in NRW! – ein Stück der viel befahrenen A1 gesperrt, um als Parkplatz für 8300 Busse und 60000 Pkw zu dienen. Bereits im Vorfeld mussten die Poller Rheinwiesen, von denen aus Pilger und Bürger dem Papst zuwinken können, von gefährlicher Weltkriegsmunition befreit werden: 60 Bomben, 2200 Sprengkörper und 73 Kilogramm Munitionsteile wurden ausgegraben. Sogar die Unterkünfte für die Pilger wurden überprüft.

Dabei ist es offenkundig weniger die Gefahr von Terroranschlägen, die Winrich Granitzka in erster Linie Sorge macht. Auf Attentate gebe es „keinerlei Hinweise“, hat der 62-Jährige wiederholt beteuert. Granitzka, der lange Jahre Kölns Leitender Polizeidirektor war und jetzt „Bereichsleiter Sicherheit und Protokoll“ im WJT-Büro ist, versucht, bei so viel Papst-Rummel und Benedikt-Mania die Ruhe zu bewahren. Das Szenario, das ihm Kopfzerbrechen bereitet, ist eine mögliche Massenpanik unter den Hunderttausenden von jungen Pilgern auf dem Marienfeld. Ausgelöst vielleicht durch ein Gewitter oder eine umgekippte Videowand. Diesen Ernstfall zu verhindern, ist daher eines der Probleme, an denen Granitzka mit seinem Stab seit mehr als eineinhalb Jahren arbeitet. Dabei weiß er: Es ist nicht damit getan, die Großveranstaltungen im Blick zu haben. Die Eröffnungsfeiern in Köln, Düsseldorf und Bonn, das „Musik-Picknick“ auf den Uni-Wiesen, die Konzerte im Rhein-Energie-Stadion und im Media-Park, die Dom-Wallfahrt – immer und überall, und das heißt in diesem Fall an etwa 400 Orten, sollen Sicherheit und Gesundheit der Teilnehmer gewährleistet sein. Das ist die Herausforderung.

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