Politik : Sie brauchen Nerven

Charles A. Landsmann

Der nächste politische Mord kommt bestimmt. Eher früher als später. Und auch er wird nicht der letzte sein. Israel droht eine Furcht erregende Welle der Gewalt - nicht nur von palästinensischer Seite, sondern von der eigenen radikalen Rechten. Dies glaubt jedenfalls laut Umfragen eine deutliche Mehrheit der Israelis. Und nicht nur das: Eine stark wachsende Zahl unter den Bürgern befürwortet Gewalt gegen gemäßigte Politiker, falls diese Siedlungen räumen lassen wollen.

Anderseits jedoch ist immer noch eine deutliche Mehrheit entschlossen, mit den Palästinensern zu verhandeln und bereit, ihnen einen eigenen Staat zuzugestehen. Noch nie war die israelische Gesellschaft so gespalten, so verunsichert und in Widersprüche verwickelt wie jetzt, nach 13 Monaten der Al-Aksa-Intifada: fast tägliche Anschläge in Israel und Liquidierungen vor Terroristen in den Autonomiegebieten, der Machtwechsel zurück zur Rechten, die erste Ermordung eines Ministers durch Palästinenser, die Zersplitterung der Linken und ein gewaltiger Rechtsrutsch der öffentlichen Meinung.

Israel war noch nie ein Land der sanften Töne, gepflegter Umgangsformen oder vornehmer Zurückhaltung. Die politische Landschaft konnte nie in Pastellfarben gemalt werden. Doch jetzt steht der jüdische Staat im Banne der Gewalt, der rhetorischen der Politiker, der militärischen der Armee und der ganz alltäglichen in der Gesellschaft. Es wird rücksichtsloser Auto gefahren als bisher. Es gibt mehr Tote und Verletzte auf den Straßen. Die Polizei registriert mehr Gewalt in den Familien - mehr Morde an Ehepartnern, mehr Misshandlungen von Kindern und eine Zunahme von Vergewaltigungen.

Dass dies etwas mit der Politik zu tun hat, wissen nicht nur Psychologen, sondern ahnen auch die Politiker - zumindest wenn sie sich in der Opposition befinden. Oppositionschef Yossi Sarid warnt seit Jahrzehnten vor den verheerenden Rückwirkungen der Besatzungspolitik auf Israels Gesellschaft und Staat. Seit über 34 Jahren hält Israel palästinensische und syrische Gebiete besetzt. Der damit provozierte gewaltsame Widerstand der Palästinenser und die eigenen Vergeltungsschläge fachen die Gewalt immer wieder neu an.

Die Ermordung von Jitzchak Rabin vor sechs Jahren am 5. November 1995 durch den religiös-nationalistischen Extremisten Jigal Amir schien zunächst einmal eine Trendwende in Bezug auf Gewalt einzuleiten. Die Gesellschaft hielt inne und begann, über sich selbst nachzudenken. Doch davon ist nichts geblieben. Stärker denn je ist das Leben von Gewalt geprägt - jederzeit und überall im Lande spürbar. Dem mörderischen Fanatismus der Islamisten auf palästinensischer Seite steht eine teils abgestumpfte und apathische, teils aufgehetzte öffentliche Meinung in Israel gegenüber. Gleichzeitig vollzieht sich eine rasant zunehmende Gewaltbereitschaft auf Seiten jüdischer Bürger. Die Palästinenser werden in der Darstellung der Medien zunehmend dehumanisiert. Ihre Opfer - sofern sie nicht prominent sind und auf der Liquidierungsliste stehen - tragen in den Medien keine Namen. Trauer wird ihnen nicht zugetraut. Und dennoch: Trotz des unverhüllten Hasses ist immer noch eine Mehrheit - im Gegensatz zur rechten Mehrheit in der Regierung - gewillt, mit ihnen zu verhandeln und ihnen auch Zugeständnisse zu machen, natürlich möglichst kleine.

"Wir wollen Verhandlungen, wir wollen Liquidierungen!" - so lautete die exakte Überschrift über der Veröffentlichung einer repräsentativen Meinungsumfrage im Massenblatt "Yedioth Ahronoth" nach der Ermordung von Tourismusminister Zeewi. 62 Prozent waren für Liquidierungen führender Palästinenser. 60 Prozent aber auch für die Räumung aller Siedlungen im Gazastreifen sowie für einen Staat Palästina.

So widersprüchlich diese Ergebnisse, so erschreckend die Resultate einer im Radio veröffentlichen Umfrage aus Anlass des Jahrestages der Ermordung Rabins. 60 Prozent, also fast zwei Drittel der Bevölkerung, glauben, dass der Rabin-Mord nur einen Anfang darstellte und ihm weitere politische Morde durch jüdische Extremisten folgen werden. Nicht weniger als 430 000 Israelis, zwölf Prozent der Bevölkerung, treten für eine Begnadigung des Rabin Mörders Yigal Amir ein. Am stärksten drückt sich der Rechtsruck der Gesellschaft in den Antworten zur Siedlungsräumung aus: 30 Prozent der jüdischen Bevölkerung ist bereit, an gewaltsamen Aktionen teilzunehmen, wenn es gilt, die Rückgabe von Siedlungen zu verhindern.

0 Kommentare

Neuester Kommentar