Politik : „Sie ernten, was sie säten“

In der arabischen Welt werden die Anschläge verdammt – aber dem Westen wird die Schuld gegeben

Thomas Seibert[Istanbul],Andrea Nüsse[K]

„Im Irak sieht es jeden Tag so aus.“ Die islamistische türkische Zeitung „Vakit“ konnte am Freitag eine gewisse Genugtuung über die Anschläge von London kaum verhehlen. Die Gewalt sei die „Rechnung für Irak“ gewesen, lautete die Schlagzeile des Blatts, dessen Deutschlandausgabe vor kurzem wegen antisemitischer Hetze verboten wurde. Ein Ergebnis des „Staatsterrors“ im Irak seien die Anschläge gewesen, kommentierte das Blatt. Damit stand „Vakit“ in der türkischen Presse allein. Doch „Vakit“ drückte ein Gefühl aus, das in der ganzen islamischen Welt spürbar ist: Endlich hat es den Westen getroffen.

Offiziell verurteilten Politiker, Organisationen und Regierungen in den meisten muslimischen Staaten von Marokko bis Indonesien die Anschläge von London als brutale Terrorakte und forderten eine engere internationale Zusammenarbeit im Kampf gegen die Gewalt. Doch selbst in den Stellungnahmen mancher Regierungskanzleien schimmerte Kritik an den USA und am Feldzug im Irak durch. Malaysias Vizepremier Nadschi Razak erklärte, hoffentlich werde die Welt erkennen, welche „Faktoren“ hinter den Taten der Terroristen steckten.

In der Öffentlichkeit wurde ohne solche diplomatische Vorsicht diskutiert. Bei der Suche nach den Ursachen des Terrors fiel in vielen muslimischen Ländern am Freitag das Stichwort Irak. Der Soziologe Emre Kongar, der im türkischen Nachrichtensender NTV Zuschauerfragen beantwortete, fasste den Grund der nach wie vor vorhandenen Unterstützung für das Terrornetzwerk Al Qaida in einen griffigen Satz: Die USA und Großbritannien hätten nach den Anschlägen vom 11. September mit einem noch größeren Terrorakt geantwortet – mit dem Krieg im Irak. Die pro-syrische „Al Scharq“ in Libanon kommentierte, die Londoner „Operation“ von Al Qaida sei verdammenswert – doch die USA und Großbritannien müssten sich allmählich selbst fragen, wo die Ursachen dieser Gewalt liegen. Viele Iraker sahen in der Besetzung ihres Landes den Grund für die Gewalt in London: „Sie ernten, was sie säten“, sagte eine Lehrerin in Bagdad.

Gemäßigte Muslime vor allem in Europa befürchten, dass sie dafür zahlen müssen, wenn sich jetzt das Klima zwischen Westen und islamischer Welt verschlechtern sollte. Der Londoner Restaurantbesitzer Karim Mohammed sagte, viele Bekannte fragten sich vor allem: „Werden wir noch gut behandelt werden?“ Der libanesische „Daily Star“ ärgerte sich darüber, dass der britische Premier Tony Blair davon sprach, dass möglicherweise Terroristen „im Namen des Islam“ die Taten begangen hätten. Damit stütze er indirekt deren Behauptungen, obwohl muslimische Gelehrte, Organisationen und Individuen weltweit die Taten als unvereinbar mit dem Islam verurteilt hätten. Die Zeitung fürchtet, dass neben den Toten und Verletzten der Anschläge vor allem die Muslime weltweit die „Opfer“ des Anschlags sind. Sie erwartet mehr Diskriminierung und eine weitere Verzerrung des Bildes von Muslimen und Islam im Westen. Aber sie gibt auch keine Antwort darauf, warum einzelne Muslime ihre Religion so missverstehen können, dass sie in ihren Augen Terrorakte zu rechtfertigen scheint.

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