Politik : „Sie jagten uns“

Ein Zeuge schildert, wie Marokkos Polizei die Asylbewerber behandelte – und in die Wüste schickte

Annabel Wahba[Nador]

Die Stimme des Mannes klingt verzweifelt. „Während wir reden, sterben hier Menschen“, sagt Fred, ein Einwanderer aus Nigeria. Sicherheitskräfte haben ihn vor ein paar Tagen im Wald vor dem marokkanischen Nador aufgegriffen, in den frühen Morgenstunden zur Polizeistation gebracht. Von dort, erzählt der 25-Jährige, seien er und rund 350 andere Afrikaner in Bussen in die Stadt Oujda nahe der marokkanisch-algerischen Grenze gebracht worden. Aus der Stadt ging es in stundenlanger Fahrt weiter nach Süden, schließlich seien sie, eskortiert von Militärjeeps, mitten in der Wüste ausgesetzt worden. „Man überließ uns ohne Essen und Wasser unserem Schicksal. Tagelang irrten wir umher, ohne zu wissen wo wir sind. Viele von uns sind verletzt, einige starben.“ Über ein Mobiltelefon, das er vor den marokkanischen Sicherheitskräften verstecken konnte, erzählt Fred, was passierte. Immer wieder bricht der Empfang ab, Fred redet schnell, in seiner Stimme schwingt Verzweiflung mit. „Wer kann uns helfen?“, fragt er in Panik.

Fred sagt, sie wüssten mittlerweile, dass sie nahe eines Dorfes seien, „ich kann die Häuser sehen“. Das Dorf liegt südlich der Stadt Bouarfa, nahe der algerischen Grenze. Die Männer trauen sich nicht aus ihrem Versteck unter Bäumen hervor, weil immer wieder Helikopter das Gebiet überflögen. Sie haben Angst, wieder von Polizei oder Militär aufgegriffen zu werden. „Als sie uns am Sonntag kurz vor Mitternacht in der Wüste absetzten, jagten sie uns. Sie schossen mit Gewehren in die Luft, ich habe sogar einen Mann gesehen, den eine Kugel traf“, sagt Fred. „Hinter mir war ein Junge, er hatte eine Verletzung am Knie. Er konnte nicht laufen und schrie, ich solle ihm helfen. Aber ich rannte in Panik davon und sah nur noch, wie er zu Boden fiel.“

Hunderte Flüchtlinge aus Mali, Nigeria und anderen Staaten der Südsahara leben monatelang in Marokko und warten auf eine Fluchtmöglichkeit nach Spanien. Nachdem vor rund zehn Tagen Flüchtlinge in Massen über den Zaun in die spanischen Exklaven Melilla und Ceuta gekommen waren, wächst der Druck auf Marokko, die afrikanischen Flüchtlinge am Grenzübertritt zu hindern.

Die Schilderungen von Fred decken sich mit Aussagen anderer Flüchtlinge. Ein Journalist der Tageszeitung „El Pais“ sprach über Mobiltelefon mit Afrikanern, die in die Region um die Stadt Bouarfa in die Wüste gebracht worden waren. Die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ war in der Region und traf auf rund 800 Einwanderer aus der Südsahara, die die marokkanischen Sicherheitskräfte nahe der algerischen Grenze ohne Unterkunft und Nahrung ausgesetzt hatten. Die Ärzte mussten Wunden und Prellungen behandeln, auch Verletzungen, die durch Schläge und Gummigeschosse entstanden waren.

Marokkos Innenministerium bestreitet, dass die Polizei illegale Immigranten in der Wüste aussetze.

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