Politik : Sie kommen zurück

In Afghanistan setzt sich Al Qaida wieder fest, warnen UN-Experten

Frank Jansen

Die Anzeichen mehren sich: Al Qaida setzt sich erneut im Osten Afghanistans fest und nimmt offenbar auch das Trainieren von Kämpfern wieder auf. Entsprechende Hinweise im Bericht einer UN-Expertenkommission werden von deutschen Sicherheitskreisen vorsichtig bestätigt. Es gebe „Versammlungen“ von bis zu 30 Al-Qaida-Leuten in den „tribal areas“. Das sind die von Warlords dominierten Paschtunen-Gebiete an der Grenze zu Pakistan. Al Qaida sei nicht in der Lage, wie in den neunziger Jahren ein Netz von Ausbildungslagern aufzubauen. Vielmehr handele es sich um „kleine, mobile Einheiten“. Im UN-Report wird vor allem die Region um Asadabad genannt, die Hauptstadt der östlichen Provinz Konar.

Zu beobachten sei auch die Rückkehr von Al-Qaida-Kämpfern, die während der amerikanischen Militärschläge nach Pakistan geflohen waren, sagen Sicherheitsexperten. Seit dem Spätsommer sickerten Gruppen von Al-Qaida-Kämpfern wieder in Afghanistan ein. In den Stammesgebieten genieße Al Qaida „hohe Sympathie“. Die örtlichen Warlords ließen die Terrororganisation gewähren, auch wenn es Unterschiede in den politischen Zielen gebe. Terroristenführer Osama bin Laden vermuten die Experten weiterhin im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet, Taliban-Chef Mullah Omar eher in der Nähe der pakistanischen Hafenstadt Karachi.

Die Gefahr von Anschlägen auf Angehörige der Internationalen Schutztruppe in Afghanistan (Isaf) nimmt angesichts der Al-Qaida-Rückkehr weiter zu. Als ein Indiz nennen Sicherheitsexperten den Angriff am Dienstag auf zwei US-Soldaten in Kabul. Ein junger Afghane warf eine Handgranate, die Explosion verletzte die beiden Militärs und ihren einheimischen Fahrer schwer. Ob der rasch gefasste Mann und zwei ebenfalls festgenommene, mutmaßliche Komplizen zu Al Qaida gehören, ist allerdings unklar.

Der Leiter der UN-Expertenkommission, Michael Chandler, warnte eindringlich vor dem Bau einer „schmutzigen Bombe“ durch Al Qaida. Die Polizei in Tansania hatte vor kurzem Uranbehälter abgefangen. Deutsche Sicherheitsexperten bezeichnen die Fähigkeit der Terrororganisation, mit Nuklearabfällen kombinierte Sprengsätze zu bauen, ebenfalls als „besorgniserregend“. Dennoch halten die Fachleute einen Anschlag mit einer „dirty bomb“ für wenig wahrscheinlich. Der materielle Schaden entspreche nicht den monströsen Visionen der Al Qaida. Die Experten bezweifeln auch US-Berichte, dass nach der Flucht der Al-Qaida-Kämpfer aus dem ostafghanischen Bunkerkomplex Tora Bora Tonnen mit schwach angereichertem Uran gefunden worden seien. Amerikanische Einheiten hatten mit Truppen der Nordallianz Ende 2001 Tora Bora erobert. Bis zu 3000 Terroristen entkamen jedoch.

Nach Ansicht von Michael Chandler unterhalten weltweit deutlich mehr Personen und Gruppen Kontakte zu Al Qaida, als von westlichen Regierungen genannt. Den derzeit aufgelisteten 92 Gruppen und 232 Personen müssten nach Erkenntnissen der UN möglicherweise bis zu 104 Namen hinzugefügt werden. Hinweise auf Verbindungen zwischen Al Qaida und dem Irak fand die UN-Kommission allerdings nicht.

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