Politik : „Sie lieben die Inszenierung von Macht“ Politikforscher Lösche über Abschiedsängste

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Politik wird von Menschen gemacht. Nimmt unser politisches System auf deren Empfindlichkeiten und Angst vor Bedeutungsverlust genug Rücksicht?

Darauf braucht es keine Rücksicht zu nehmen. Zur Demokratie gehört der Wechsel, alle sind auf Zeit in ihre Ämter gewählt. Die wirklich Prominenten der Politik können rasch in andere Berufe oder Funktionen wechseln. Auch die zweite Reihe schafft es, nach der politischen Karriere gut unterzukommen und unter Umständen deutlich mehr zu verdienen.

Warum geht dann keiner und keine gern?

Wer in die Politik geht, tut das nicht, um Geld zu verdienen, sondern um Macht auszuüben. Der bayerische Ministerpräsident kann den Alltag von mehr als zwölf Millionen Menschen beeinflussen und er genießt, dass Macht für ihn inszeniert wird. Auch bei der Allianz oder der Ruhrkohle AG kann man mächtig sein, aber nicht in einer Weise, die den Verlust eines hohen politischen Amts kompensiert.

Andere Länder haben eine Art Ehrenfriedhöfe für verdiente Politiker: die Briten das Oberhaus, die Italiener den Senator auf Lebenszeit. Brauchen wir so etwas?

Das würde nichts helfen. Das kann den Bedeutungsverlust kaum abfedern.

Stoibers chaotischer Abschied hat seine Partei einer Zerreißprobe ausgesetzt, es wird viel schmutzige Wäsche gewaschen. Schadet das der Demokratie?

Die Demokratie verkraftet auch ungeordnete Übergaben gut, die Parteien ebenso. In den Umfragen liegt die CSU doch schon wieder bei 52,53 Prozent. Sie hat also verglichen mit den letzten Wochen vor der Rücktrittsankündigung sogar zugelegt. Parteien hängen nicht von einer einzigen Person ab, und die CSU ist ein gutes Beispiel dafür. Sie hat Graswurzelbindungen in Bayern, sie ist tief im Vereinsleben verankert. Eine Partei geht nicht unter, wenn sie den Parteivorsitzenden wechselt.

Mit Lösche sprach Andrea Dernbach.

Peter Lösche lehrt in Göttingen Politikwissenschaft. Der gebürtige Berliner erforscht seit Jahren die politischen Parteien – und hat auch eine Polemik zur „Parteienverdrossenheit“ verfasst.

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