Politik : „Sie sterben vor unseren Füßen“ Fußball-Katastrophe erschüttert Ägypten

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Tod im Stadion. Fans und Sicherheitskräfte in Port Said. Foto: dpa
Tod im Stadion. Fans und Sicherheitskräfte in Port Said. Foto: dpaFoto: dpa

Kaum hatte der Schiedsrichter die Erstliga-Partie zwischen dem Außenseiter Masry von Port Said und dem Favoriten Ahly aus Kairo abgepfiffen, verwandelten tausende Masry-Fans das Stadion binnen Minuten in eine Hölle. Trotz eines 3:1 Sieges ihrer Mannschaft stürmten sie das Spielfeld. Steine und Flaschen flogen, Feuerwerkskörper wurden gezündet. Fernsehbilder zeigten die rot gekleideten Ahly-Spieler in Panik in die Kabine fliehen, hunderte Menschen prügelten wild aufeinander ein. Die Live-Übertragung des ägyptischen Staatskanals zeigte, dass die schweren Krawalle zwischen den Fans beider Vereine in dem Stadion noch mindestens eine Stunde weitergingen. Die wenigen Trupps der schwarz gekleideten Sonderpolizei wirkten völlig überrascht und hilflos, später war von den Beamten nichts mehr zu sehen.

Am Abend sagte der Staatssekretär im Gesundheitsministerium, Hesham Shiha, in einer ersten Bilanz, bei den Auseinandersetzungen seien mindestens 73 Menschen gestorben, darunter viele Ordnungskräfte. Über tausend Menschen wurden verletzt. Viele Opfer wurden nach Angaben von Ärzten tot getrampelt oder erstickten, weil sie von der rasenden Menge zu Tode gequetscht worden waren. Andere starben an schweren Kopfverletzungen und Stichwunden.

Auch im Kairoer Fußballstadion beim Spiel des zweiten Kairoer Erstligisten Zamalek gegen Ismailia randalierten die Fans in der Halbzeitpause und steckten Teile des Stadions in Brand. Das Spiel wurde dann auf Verlangen der Spieler beim Stand von 2:2 abgebrochen. Das Feuer konnte gelöscht werden, ohne dass Menschen zu Schaden kamen. Noch am Abend setzte der Präsident des ägyptischen Fußballverbandes alle Spiele der Erstliga bis auf weiteres aus.

Die Spieler des Kairoer Clubs Ahly verbarrikadierten sich im Stadion von Port Said in ihrer Kabine und flehten in frenetischen Handyanrufen um Hilfe vor dem rasenden Mob. „Die Polizei ist weg, sie hat uns im Stich gelassen, niemand schützt uns mehr. Ein Fan ist im Umkleideraum gerade vor meinen Augen gestorben“, schrie Mannschaftskapitän Mohamed Abou-Treika in einem Anruf bei einem Sportradio-Sender. „Das hat mit Fußball nichts zu tun. Das ist Krieg und die Menschen sterben vor unseren Füßen.“ Mittelfeldspieler Mohamed Barakat, der selbst eine Schlagverletzung erlitt, berichtete „in den Gängen liegen überall Leichen, alle Sicherheitsleute und Soldaten sind verschwunden.“ Die Kabine habe sich in ein Leichenhaus verwandelt, sagte Ahly-Torwarttrainer Ahmed Nagy.

Am Abend kündigte der herrschende Militärrat an, zwei Militärflugzeuge nach Port Said zu schicken, um die Spieler von Ahly abzuholen. Ihre Mannschaft zählt zu den bekanntesten und erfolgreichsten Vereinen Ägyptens und war in der Ersten Liga seit November 2010 ungeschlagen. Erst vor drei Wochen hatte das Team ein Freundschaftsspiel in Qatar gegen den vielfachen deutschen Meister Bayern München knapp mit 1:2 verloren.

Die schweren Krawalle am Mittwochabend sind Indikator für eine zunehmend gereizte Stimmung im post-revolutionären Ägypten. Hunderttausende haben ihre Arbeit verloren, die Wirtschaft kommt ein Jahr nach dem Sturz von Hosni Mubarak nicht auf die Beine. Die Frustration in der Bevölkerung wächst und entlädt sich immer häufiger in schweren Gewalttaten, bei politischen Demonstrationen sowie in den Fußballstadien des Landes. Am Donnerstag will sich das neu gewählte Parlament in einer Sondersitzung mit den Unruhen beschäftigen.

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