Politik : Sie vermissen ihre Werte

Amerikas religiöse Rechte ist unglücklich mit allen aussichtsreichen Präsidentschaftskandidaten der Republikaner

Christoph von Marschall[WAshington]

Vor dem Konferenzsaal verkaufen US- Veteranen Buttons mit dem Gesicht Hillary Clintons, durch das ein dicker roter Verbotsstrich gezogen ist. „ABC“ steht darüber: „Anybody But Clinton“. Die Favoritin unter den demokratischen Präsidentschaftsbewerbern ist das Feinbild der religiösen Rechten. Die haben sich am Wochenende in Washington versammelt, um nach einem Republikaner zu suchen, der konservative Werte vertritt: Kampf für einen sichtbaren Platz des Christentums in der Politik, gegen Abtreibung und Homo-Ehe, beherztes Auftreten gegen die Feinde der USA, Atheisten und Islamisten, wie ein Redner betont.

Hillary Clinton ist aber zugleich die große Hoffnung der Rechten. Wenn die Demokraten sie nominieren, ist das die beste Mobilisierung der rechten Basis. Die ist enttäuscht von George W. Bush und dem Irakkrieg. Viele tendieren dazu, am Wahltag 2008 zu Hause zu bleiben. Doch wenn sie wählen gehen, haben die Republikaner eine Siegchance. „Verhindert Hillary!“ – auf diesen Schlachtruf können sich alle Konservativen einigen. Die religiöse Rechte ist eine mächtige Gruppe, ihr hatte Bush seine Wahl zu verdanken. Je nach Wahlbeteiligung stellen sie 20 bis 25 Prozent der Wähler. Deshalb sind alle neun republikanischen Bewerber der Einladung gefolgt, auf dem Kongress der „Value Voters“, der werteorientierten Wähler, zu sprechen.

An den Favoriten findet die religiöse Rechte wenig Gefallen. Rudy Giuliani, der Ex-Bürgermeister von New York, ist zweifach geschieden, unterstützt Abtreibungsrecht und Waffenkontrolle. Wenn die Republikaner ihn ins Rennen schicken, werde die religiöse Rechte einen eigenen Kandidaten aufstellen, hatten ihre einflussreichsten Führer und Fernsehprediger kürzlich gedroht. Aber sie wissen auch: Ein dritter Kandidat würde ihre Basis spalten und den Sieg der Demokraten so gut wie sicherstellen.

Die Konferenz in Washington gibt den 5000 Delegierten wenig Trost. Einige Kandidaten sprechen ihnen zwar aus dem Herzen wie Mike Huckabee, ein Pfarrer und Ex-Gouverneur von Arkansas. Oder Sam Brownback aus Kansas, der „das Ende der Abtreibung“ zu „unserer großen Lebensaufgabe“ erklärt. Über eine Million Schwangerschaftsabbrüche pro Jahr, „4000 jeden Tag“, gebe es in Amerika. „Eine Nation, die Gott aufgibt, gibt ihre Zukunft auf.“ Kurz nach seinem umjubelten Auftritt muss Brownback selbst aufgeben. Ihm ist das Geld ausgegangen. Auch Huckabees Präsidentschaftsbewerbung leidet unter Geldmangel.

Mit den aussichtsreichen Bewerbern liegen die Religiösen aus verschiedenen Gründen über Kreuz. John McCain hat einige ihrer Führer in der Wahl 2000 als „Prediger der Intoleranz“ beschimpft. Mitt Romney ist Mormone, und seiner neuen Ablehnung der Abtreibung trauen sie nicht so recht. Als Gouverneur von Massachusetts war er noch für die Entscheidungsfreiheit der Frauen.

McCain, Romney und Giuliani greifen alle zur selben Taktik. Sie erzählen anrührende Episoden aus ihrem Leben, die ihre tiefe Religiosität belegen sollen und bitten die Versammelten: „Ich weiß, dass ihr nicht immer einer Meinung mit mir seid, aber ich verspreche ein offenes Ohr für eure Anliegen.“ Fred Thompson, der „Law and Order“-Kandidat aus Tennessee, hat bei seiner Rede Frau und Tochter an seiner Seite. Sie alle bekommen Beifall, aber er klingt eher höflich als begeistert.

Für Heiterkeit sorgen Pannen: Thompson nimmt das tragbare Mikrofon mit, als er zum nächsten Auftritt eilt. Giuliani verspricht sich an der entscheidenden Stelle und sagt, er wolle die Adoptionsrate senken. Dann korrigiert er sich: Er wolle die Zahl der Abtreibungen senken und die der Adoptionen durch Finanzhilfen erhöhen.

Die Abstimmung unter den Delegierten gewinnen Romney und Huckabee. Giuliani wird Vorletzter. Die religiöse Rechte hat keinen Herzensfavoriten. Gut für die Demokraten – wäre da nicht Hillary und ihr Mobilisierungseffekt auf die Rechten.

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