Politik : Sie wissen, was sie tun

Von Gerd Appenzeller

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Ja, da hat das amerikanische Verteidigungsministerium wohl leider Recht. Die jetzt in die Öffentlichkeit gekommenen Folterbilder und Videos aus dem Bagdader Gefängnis Abu Ghraib können unnötige Gewalt in der Welt auslösen. Sie können sich als direkte Bedrohung gegen amerikanische Soldaten und Einrichtungen weltweit richten. Und auch die Situation der beiden deutschen Geiseln im Irak wird durch diese verstörenden, furchtbaren Fotos vielleicht noch zusätzlich erschwert.

Die Bilder sind nicht neu, sind nicht Zeugnis bisher unbekannter Gewalttaten. Sie entstanden zeitgleich mit jenen, deren Publikation im April 2004 die Exzesse amerikanischer Soldaten in den Zellen und Gängen der Haftanstalt in die Welt brachte. Wären die Fotos seinerzeit veröffentlicht worden, würden sie jetzt nicht um den Erdball geschickt. Aber Donald Rumsfeld ordnete damals an, diese Motive wegen ihrer Grausamkeit unter Verschluss zu halten. Das rächt sich nun. Die Wahrheit kommt irgendwann auch durch die Türen von Stahlschränken.

Viele arabische Zeitungen haben die Darstellungen gequälter, gefolterter, vermutlich auch getöteter Gefangener auf den Titelseiten veröffentlicht. Der Zorn darüber, was die USA Arabern angetan haben, wird die Wut über die Mohammed-Karikaturen noch überlagern und er wird sich gegen den Westen insgesamt, nicht nur gegen Amerika richten. Denn in der Wahrnehmung der Menschen in den meisten arabischen Staaten sind diese Folterfotos ein weiterer Beleg für Überheblichkeit, Arroganz und Brutalität einer Zivilisation, die sich überlegen fühlt, aus der Sicht der Betroffenen aber moralisch abgrundtief verworfen ist. Wer kann es Politikern und Medien der arabischen Welt verdenken, dass sie sich mit Abscheu abwenden? Tut der Westen, tun die Amerikaner, die als Befreier kommen wollten, doch nun das, was sie Saddam Hussein vorwarfen.

Dinge wie die, bei deren Anblick sich neben Entsetzen über die Taten vor allem Mitleid mit jenen regt, an denen sie verübt wurden, geschehen, wenn Vorgesetzte in einer Armee ihre Führungsaufgaben nicht wahrnehmen, wenn das Gefühl der Ohnmacht gegenüber gewalttätigen Attacken wiederum in ungezügelte Gewalt um- und zurückschlägt. So etwas wie in Abu Ghraib, oder auch bei den Briten in Basra, ereignet sich nur, wenn Offiziere und Unteroffiziere bei Übergriffen wegschauen, oder deren stillschweigende Tolerierung signalisieren oder sich sogar selbst beteiligen.

Was wir sehen, sind erkennbar keine Einzelfälle. Bei fast jeder Tat gibt es ganz offensichtlich mehrere, wenn nicht viele Mitwisser oder Mittäter. Die Fotos und Videos kursieren weltweit und werden wie Trophäen gezeigt oder vorgeführt. Die in das Geschehen Verwickelten schämen sich nicht. Sie sind auf ihre Verbrechen gegen die Menschlichkeit stolz. Dieser Stolz speist sich aus dem Gefühl der Überlegenheit gegenüber einem Gegner, der als minderwertig empfunden wird. Weil man ihm, so scheint es, die Menschenwürde abspricht, kann man diese auch nicht verletzen. Freilich muss sich um dieses ungeheuerliche Geschehen eine immer weitere Mauer des Schweigens gezogen haben, die mehr und mehr Mitwisser und Mittäter einbindet und von der übrigen Welt abtrennt. Die draußen wissen nichts. Aber wenn sie nahe genug an der Omertà sind, dann ahnen sie vermutlich, dass da drinnen etwas Ungeheuerliches verborgen ist, eine Bestie, die sich irgendwann losreißt, die Mauer durchbricht und der Welt ihre hässliche Fratze zeigt – die Fratze von Abu Ghraib.

Genau das ist jetzt geschehen. Es ist das Antlitz der Folter, kein neues, wird uns versichert, die Zustände hätten sich gebessert seit dem Frühjahr 2004, so etwas komme nicht mehr vor. Die Deutschen haben eine Geschichte, aus der sie wissen, was alles vorkommt, wie lange es vorkommen kann, und wer verantwortlich ist. Amerikanische Militärstaatsanwälte klagen, es sei fast unmöglich, die Verantwortung höherrangiger Militärs gerichtsfest zu machen. Einen politischen Verantwortlichen, von Guantanamo bis Abu Ghraib, gibt es. Aber Donald Rumsfeld ist im Amt – und er bleibt es wohl auch.

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