Politik : „Sie wussten, wer wir sind“

Nach dem Tod eines Kameramannes im Irak erheben Augenzeugen schwere Vorwürfe gegen die US-Armee

Claudia von Salzen

WIE GEHT ES WEITER IM IRAK?

Die letzten Bilder auf dem Film zeigen einen Panzer, der direkt auf den Betrachter zurollt. Dann fallen sechs Schüsse. Die Kamera fällt zu Boden. Mazen Dana, der Mann, der diese Bilder machte, wurde am Sonntag im Irak von US-Soldaten erschossen. Sie hätten die Kamera für einen Raketenwerfer gehalten, sagte ein Militärsprecher. Die Armee kündigte eine Untersuchung an. Die Nachrichtenagentur Reuters, für die Dana arbeitete, und Journalistenorganisationen verlangen nun Auskunft darüber, wie es zum Tod des Kollegen kommen konnte.

Reuters nahm nach Angaben einer Sprecherin eine interne Untersuchung auf. Dana hatte am Sonntag im Westen Bagdads ein von den USA geführtes Gefängnis gefilmt. Dort waren zuvor sechs Iraker bei einem Anschlag getötet worden. Der Kameramann hatte seine Aufnahmen gemacht und wollte nach Aussage von Augenzeugen wieder abfahren, als ein von einem Panzer geführter Konvoi eintraf. Der 43-Jährige stieg aus dem Auto und ging ein paar Schritte auf den Panzer zu. Dann fielen die Schüsse. Der Reuters-Tontechniker Nael al Shyoukhi, der dicht hinter seinem Kollegen stand, sagte später: „Sie haben uns genau gesehen.“ Zuvor hatte er mit einem US-Soldaten vor dem Gefängnis gesprochen und um ein Interview mit einem Offizier gebeten. Das war nicht möglich, aber der Soldat erlaubte dem Kamerateam, das Gefängnis zu filmen. „Sie haben uns gesehen, und sie wussten, wer wir waren und was wir vorhatten“, sagte al Shyoukhi nach Angaben von Reuters. Schwere Vorwürfe gegen die US-Truppen erhob auch Danas Fahrer. „Sie wussten, dass wir Journalisten sind. Das war kein Unfall“, sagte Munser Abbas nach Angaben der Nachrichtenagentur AP.

Mazen Dana wusste sehr genau, was es hieß, in einem Kampfgebiet zu arbeiten. Der Palästinenser berichtete jahrelang aus seiner Heimatstadt Hebron im Westjordanland. Bei Reuters galt er als einer der erfahrensten Krisenberichterstatter. Vor zwei Jahren war er erst mit einem Preis ausgezeichnet worden.

Dana ist der zweite Reuters-Kameramann, der im Irak getötet wurde. Im April starb der Ukrainer Taras Protsjuk, als ein US-Panzer das Hotel Palestine in Bagdad beschoss. Auch ein spanischer Kameramann wurde getötet. Während des Krieges war das Palestine für die meisten Journalisten das Hauptquartier. Das US-Militär kam jetzt zu dem Ergebnis, bei dem Beschuss des Palestine habe es sich um einen „Akt der Selbstverteidigung“ gehandelt. „Reporter ohne Grenzen“ bezeichnete den Bericht als „inakzeptabel“. Reuters hat den Fall des Palestine auch selbst untersucht. „Unser Bericht unterscheidet sich sehr von den Ergebnissen, zu denen die USA gekommen sind“, sagte Reuters-Sprecherin Susan Allsopp. „Wir gehen davon aus, dass es eine Art Zusammenbruch der Kommunikation gab.“ Offenbar habe die Panzerbesatzung nicht gewusst, dass es sich um ein Journalistenhotel gehandelt habe.

Nach Danas Tod will „Reporter ohne Grenzen“ nun in einem Brief an US-Verteidigungsminister Rumsfeld eine gründlichere Untersuchung als in früheren Fällen fordern. Diese dürfe nicht wieder zu einer „Reinwaschung der Armee“ führen, warnte die Organisation. Zum Teil sei die Haltung der Soldaten gegenüber Medienvertretern geradezu „feindlich“.

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