Politik : Sieben Schüsse auf Amerika

In Amman hat ein Maskierter einen US-Diplomaten ermordet – Beobachter fürchten um die Stabilität Jordaniens

Birgit Cerha[Beirut]

Der jordanische Informationsminister Mohammad Adwan sprach von einem „Angriff auf Jordanien und seine nationale Sicherheit“. „Die (Terror-)Gefahr ist allgegenwärtig“, sagte er. Am Montagmorgen war trotz schärfster Sicherheitsvorkehrungen der US-Diplomat Lawrence Foley in der Garage seines Hauses in Amman von einem Maskierten erschossen worden. Foley war führender Mitarbeiter der amerikanischen Behörde für Internationale Entwicklung (USAID). Es handelte sich um das erste tödliche Attentat auf einen westlichen Diplomaten in der Region seit den Terroranschlägen in den USA am 11. September 2001 und den ersten derartigen Vorfall in Jordanien überhaupt.

Vorerst gibt es keine klaren Hinweise auf die Identität des Täters oder dessen Hintermänner. An Motivation für den Mord fehlt es im Haschemitenreich aber nicht. Die Wogen des Anti-Amerikanismus schlagen hier – wie in anderen Teilen der arabischen Welt – hoch wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr, als die USA den alten Verbündeten dafür bestraften, dass er sich nicht dem Krieg gegen den Nachbarn Irak zur Befreiung Kuwaits anschließen wollte. Die Jordanier hegen traditionell größte Sympathien für die irakischen Brüder, mit denen sie auch stets regen Handel betrieben. Heute ist der Irak wieder der wichtigste Handelspartner. Viele jordanische Produktionsbetriebe würden einen Zusammenbruch des irakischen Marktes kaum verkraften.

Vor allem aber profitiert das bitterarme Königreich von der Großzügigkeit des irakischen Diktators Saddam Hussein, der Jordaniens gesamten Ölbedarf (zur Hälfte kostenlos, zur Hälfte als Kompensationsgeschäft) deckt. Versuche Ammans, sich aus irakischer Abhängigkeit zu lösen und saudisches Öl zu beziehen, scheiterten am Widerstand Riads. „Wir danken Gott für unser Wasser und Saddam für unser Öl“, lautet deshalb ein populärer Slogan.

Ein Krieg gegen den Irak würde somit Jordaniens ökonomischen Interessen schwer schaden, fürchtet die große Mehrheit der Bevölkerung. Der Zorn auf die USA wird noch gesteigert durch die Tatsache, dass US-Präsident George W. Bush dem israelischen Premier Ariel Scharon offensichtlich „grünes Licht“ für die massive Unterdrückung der palästinensischen Intifada erteilte. Mehr als 60 Prozent der jordanischen Bevölkerung sind Palästinenser, die sich eng mit ihren Brüdern und Familienangehörigen jenseits des Jordans verbunden fühlen.

Selbst auf dem Höhepunkt des Golfkrieges und der anti-amerikanischen Stimmung jener Tage war weder die amerikanische noch eine andere westliche Botschaft von Terror bedroht. Das Königshaus hatte stets der nationalen Sicherheit höchste Priorität eingeräumt und ging dabei auch nicht zimperlich vor. So wurden jüngst auch die Repressionsmaßnahmen drastisch verschärft, die Presse ist geknebelt, Dissens wird nicht geduldet. Ungeachtet der starken anti-amerikanischen Stimmung gibt sich die jordanische Islamistenbewegung aber betont gemäßigt. Sie ließ sich vom verstorbenen König Hussein in den politischen Prozess eingliedern und lehnt jede Gewalt ab.

Jordanische Sicherheitskreise wiesen am Montag auf die Professionalität des Anschlages in Amman hin. Foley war durch sieben Kugeln in Kopf und Brust sofort getötet worden. Das Attentat wurde nach Ansicht von Experten sorgfältig vorbereitet. Ein spontaner Einzelakt eines über die US-Politik verärgerten Jordaniers dürfte demnach als Motiv ausscheiden. Zudem geben Zeitpunkt und die Identität des Opfers Aufschluss über die mögliche Motivation: Dabei ging es dem Täter offenbar vor allem darum, die jordanisch-amerikanischen Beziehungen zu einem äußerst kritischen Zeitpunkt empfindlich zu stören.

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