Siedlungsbau im Westjordanland : "Mehr Baustellen, mehr Wohnraum, mehr Frieden"

Die Siedlung Ariel wächst und wächst. Ungeachtet aller Appelle gibt Israel den umstrittenen Wohnungsbau nicht auf. Der Bürgermeister schwärmt von Männern mit großen Ideen. Seine lautet: Baut mehr Häuser!

Fredy Gareis
Israelische Arbeiter studieren Pläne für den Neubau von 50 Häusern in Ariel, das war Ende 2010.
Israelische Arbeiter studieren Pläne für den Neubau von 50 Häusern in Ariel, das war Ende 2010.Foto: dpa

Für Ron Nachman ist Baulärm Musik in den Ohren. Baulärm, das bedeutet neue Wohnungen, neue Häuser in einem Gebiet, in dem es sie nach Meinung vieler nicht geben dürfte, aber für den Bürgermeister von Ariel, der sich um die Meinung der anderen nicht kümmert, bedeutet der Krach, dass er recht hat. Immer schon recht gehabt hat.

Ariel ist eine Siedlung im Westjordanland. Aber es ist auch viel mehr als das. Eine jüdische Stadt auf palästinensischem Territorium, ein Ausrufezeichen. Um zu verstehen, warum der Friedensprozess zwischen Israel und den Palästinensern seit Jahren feststeckt, muss man sich in die Hügel des Westjordanlandes und nach Ariel begeben, wo Ron Nachman in seinem Büro, einer Art Container, auf einen wartet und findet, dass es in Ariel derzeit viel zu leise zugeht. Nur 227 Einheiten hat die Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bewilligt. Viel zu wenig, sagt Nachman. „Ein Baustopp wird keinen Frieden bringen, niemals“, sagt er und haut auf den Tisch.

Das sieht die Welt anders. Die Siedlungsprojekte Israels gelten als Hauptstreitpunkt bei den Friedensgesprächen, gerade jetzt wieder bei den Verhandlungen zwischen israelischen und palästinensischen Unterhändlern im jordanischen Amman.

Ron Nachman zupft in seinem Büro an seinen Hosenträgern und sinniert über die Köpfe der internationalen Gemeinschaft: Merkel, Cameron, Obama. Alle wollen sie einen Baustopp in den Siedlungen, „aber keiner kommt und redet mit mir“. Wenn sie kämen, dann würden sie es selbst erkennen, dass Siedlungen wie Ariel den Frieden bringen. So sieht er es.

Nachman würde gerne durch seine Stadt führen, zeigen, was er erreicht hat. Wie er Ariel von einer Felswüste zum „Zentrum Samarias“ mit 18.000 Einwohnern gemacht hat. Aber gerade erst ist der 69-Jährige aus den USA zurück, wo er sich einer Krebsbehandlung unterzogen hat, das müsse man bitte verstehen. Es ist nicht so, dass es ihm an Stolz mangelt. Ariel ist sein Kind, und seit 1978 hat er es großgezogen.

Nach Modi’in Illit, Beitar Illit und Ma’le Adumim, bildet Ariel die viertgrößte israelische Siedlung im Westjordanland. Im Sonnenlicht gebadet liegt der Ort jetzt da, Tausende kleiner weißer Einfamilienhäuser und Wohnblöcke mit roten Dächern. Sie sehen aus wie die Zacken auf einem Aligatorrücken. Von hier sind es 40 Kilometer nach Tel Aviv, 49 nach Jerusalem und 29 zur jordanischen Grenze. Laut internationalem Recht ist Ariel eine illegale Siedlung, laut israelischer Regierung ist Ariel eine Stadt. Doch unter den großen Siedlungsblöcken nimmt Ariel eine besondere Stellung ein: Keiner reicht so tief ins Westjordanland hinein. Wie ein langer Finger stößt Ariel in das Gebiet vor, das einmal ein palästinensischer Staat werden soll.

„Ariel ist Konsens“, sagt Ron Nachman. „Weil wir Normalität ausstrahlen.“ Mit Normalität meint er die Universität und das neue Kulturzentrum, das im November 2010 eröffnet wurde. Ganz normal ist es freilich nicht, es wird von prominenten Schauspielern, Schriftstellern und Regisseuren boykottiert, die sich weigern, in einer Siedlung aufzutreten, um die eben nicht zu normalisieren. Der bekannte israelische Journalist Gideon Levy prägte die Formel, dass aus den Siedlungen nichts Gutes komme.

Ron Nachman lacht schallend darüber und kramt aus einer Schublade einen Zeitungsartikel heraus. „Hier“, sagt er und wedelt mit einer Seite aus der Tageszeitung „Yedioth Ahronoth“. Darin wird er als einer der Menschen des Jahres 2010 gefeiert, weil er den Boykott durchgehalten hatte. „Und aus Ariel kommt doch Kultur“, sagt Nachman.

Lange hat er darauf gewartet, jetzt wird wieder gebaut. Und nicht nur hier, auch in anderen Siedlungen. Der Lärm der Baumaschinen ist Israels Druckmittel. Seit die Palästinenser vor der UN um eine Vollmitgliedschaft werben, ist es überall in dem zersplitterten Land lauter geworden. Als die Palästinenser von der Unesco aufgenommen wurden, bewilligte Premier Benjamin Netanjahu umgehend weitere 2000 Wohneinheiten.

Ron Nachman schaut sich dieses Spiel nun schon 34 Jahre lang an. Offiziell läuft gerade seine sechste Amtszeit. Inoffiziell seine achte, sagt Nachman. „Ich habe eine Vision gehabt und sie ist wahr geworden.“

Seine Hände liegen jetzt auf seinem Schreibtisch, die Flächen fest nach unten. „Genau hier“, sagt er, „haben wir angefangen. Hier war nichts, überhaupt nichts. Nur Felsen.“

Die Felsen waren Teil des Gebiets, das Israel im Sechs-Tage-Krieg erobert hatte. Dem Sieg folgte der sogenannte Allon-Plan, ein Konzept zur Besiedlung dieser Gebiete, für die Juden biblisches Land und darüber hinaus von strategischer Bedeutung. Im damaligen Landwirtschaftsminister Ariel Sharon, der später Premier wurde, fand sich ein starker Verfechter dieser Idee. Kurz nachdem Scharon 1977 als Minister berufen war, präsentierte er der damaligen Regierung unter Menachem Begin seine eigene Version der Besiedlung des Westjordanlandes. Für die brauchte er Männer wie Ron Nachman, den Kaugummi kauenden Bürgermeister von Ariel.

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